Belästigung wird öffentliches Thema

23. Februar 2009, 12:00
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83 Prozent der Ägypterinnen werden laut Studie sexuell belästigt - Selbstverteidigungskurse für Frauen boomen

Sagasig/Ägypten - In Ägypten erfreuen sich Selbstverteidungskurse für Frauen zunehmender Beliebtheit. Denn seit dem vergangenen Jahr ist sexuelle Belästigung erstmals öffentlich zu einem großen Thema geworden. Frauen und sogar einige Männer haben in Kairo Aufklärungskampagnen gestartet und nutzen dabei auch das Internet. Bereits vor zwei Jahren wurde über Belästigung von Frauen in der Öffentlichkeit gesprochen, als in Blogs Amateurvideos zu sehen waren, die zeigten, wie Männer an einem hohen muslimischen Feiertag in der Kairoer Innenstadt Frauen belästigten.

Umfrage bestätigt hohe Belastung

In den vergangenen Monaten hat eine Umfrage des Ägyptischen Zentrums für Frauenrechte (ECWR) das Thema erneut publik gemacht. Bei der direkten Befragung von 2.020 ÄgypterInnen aus Kairo und Umgebung gaben 83 Prozent der Ägypterinnen und 98 Prozent der Ausländerinnen an, sexuell belästigt worden zu sein. 62,4 Prozent der befragten Männer räumten sogar selbst ein, dass sie Frauen belästigten. Die Befragung ging zu gleichen Teilen an Frauen und Männer, zusätzlich wurden 109 Ausländerinnen über ihre Erfahrungen befragt.

Aus der Studie ging hervor, dass der Kleidungsstil der Frauen hierbei keine Rolle spielte. Von denen, die nach eigenen Angaben belästigt wurden, trug etwa ein Drittel ein Kopftuch und muslimische Kleidung. Knapp 20 Prozent trugen sogar einen Schleier und hatten ihren Körper komplett verhüllt. 

Seit 2008 zeigt auch die Regierung die Bereitschaft, gegen das Problem der sexuellen Belästigung in Kairo vorzugehen. Ein Gesetz, das derartige Übergriffe unter Strafe stellt, liegt dem Parlament vor, und die Polizei hat in den vergangenen Monaten Dutzende mutmaßliche Täter festgenommen.

Gerichtsurteil als Wendepunkt

Im Oktober wurde ein Lastwagenfahrer zu drei Jahren Haft verurteilt, weil er einer 27-jährigen Passantin an die Brust gefasst hatte. "Das war ein Wendepunkt", sagt Nehad Abu Komsan, Leiterin der Organisation, die die Umfrage durchführte. "Der Richter hat die ernste Botschaft ausgesandt, dass Belästigung ein schwerwiegendes Verbrechen ist."

Hohe Arbeitslosigkeit

Erklärungen für den hohen Grad an sexueller Belästigung gegenüber Frauen werden vornehmlich in den sozio-ökonomischen Problemen des Landes gesucht. Über 20 Prozent der Bevölkerung Ägyptens muss von weniger als 1,60 Euro am Tag leben. Das heißt für junge Leute, dass sie lange warten müssen, bis sie es sich leisten können, zu heiraten und einen eigenen Hausstand zu gründen. Sex vor der Ehe ist indes im Islam verboten, so dass es im Land viele sexuell frustrierte, häufig arbeitslose junge Männer gibt.

Belästigung "drei bis viermal die Woche"

Oft geschieht die Belästigung nur verbal, indem Frauen anzügliche Bemerkungen nachgerufen werden. Doch es kommt auch zu körperlichen Übergriffen: Männer, die Frauen auf dem Heimweg folgen, die Frauen an Po oder Brust fassen oder die im Bus ihre Schenkel berühren. "Mir passiert so etwas auf der Straße drei bis vier Mal pro Woche", sagt die 21-jährige Studentin Asmaa Mohammed, die an einem der Selbstverteidigungskurse in Sagasig teilnimmt.

Nach der Veröffentlichung der Umfrage schrieben einige Frauen in Zeitungen Berichte über das, was sie selbst an sexueller Belästigung erlebt hatten. Junge Leute setzten Kampagnen in Gang, um das Unrechtsbewusstsein unter Gleichaltrigen an den Universitäten und anderswo in Kairo zu wecken. "Wir wollen eine Botschaft an alle Frauen in Ägypten aussenden, dass sie nicht alleine sind", so Abul Komsan vom Zentrum für Frauenrechte abschließend. (APA/red)

  • Logo des Ägyptischen Zentrums für Frauenrechte.
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