Der Super-Mega-Giga-Wahn

22. Februar 2009, 18:42
119 Postings

Je größer, desto besser: Ein vermeintliches Erfolgsrezept löst sich in Luft auf - Von Josef Kirchengast

Die Blase ist geplatzt, weil jede Blase irgendwann platzt. Wer noch vor zwei Jahren Experten fragte, wo denn der reale Gegenwert der gewaltigen Gewinne auf den Finanzmärkten sei, wurde groß angeschaut: Welcher Gegenwert? Die Gewinne sind ja da- erklären sich also von selbst und damit den Erfolg des Systems, dessen Prinzip lautet: je größer, desto besser; je mehr, desto erfolgreicher.

Die menschliche Gier sei schuld, heißt es jetzt. Die hat es freilich schon immer gegeben. Bloß, dass ihr die globalisierte Welt ein unbegrenztes Betätigungsfeld geschaffen hat. Scheinbar.

Aber das Streben nach materiellem Reichtum allein kann die Blase nicht erklären, die jetzt geplatzt ist. Es ist eine andere, sozusagen abstrakte Gier. Oder besser: ein Wahn. Der Wahn, dass "mehr" und "größer" etwas grundsätzlich Besseres, also Erstrebenswertes seien. So folgt auf "groß" "super", auf "super" "hyper", auf "hyper" "mega", auf "mega" "giga", auf "giga" - was?

Vor der Globalisierung sorgten nationale oder technische Grenzen dafür, dass die Bäume nicht in den Himmel wuchsen, wie die alte Redewendung so schön sagt. Die weltweite Kommunikations- und Ökonomie-Vernetzung hat diese Korrektive beseitigt. Aber sind mit den Möglichkeiten auch die menschlichen Fähigkeiten gewachsen, sie zu beherrschen? Die Antwort erhalten wir soeben. Nicht mehr kontrollierbares Wachstum führt zum Tod, wie wir aus der Biologie wissen.

Eindringlichstes Sinnbild des Super-Mega-Giga-Wahns ist der globale Wettlauf um den höchsten Wolkenkratzer. Welchen Sinn macht es, ein tausend Meter hohes Gebäude zu errichten? Und wer fühlt sich wohl darin? Die Wüsten-"Metropole" Dubai, die in diesem Wettbewerb mitmacht, ist selbst eines der drastischsten Beispiele für wahnwitziges Wachstum.

Es gibt auch andere, weniger spektakuläre Beispiele, hinter denen aber dieselbe Philosophie steckt. Den Event-Wahn etwa: je größer ein Ereignis welcher Art auch immer, desto aufregender. Eine Fußball-EM mit Publikum in den Stadien oder vor den Fernsehschirmen tut's längst nicht mehr - da müssen Events in Form groß aufgezogener Fanmeilen dazu. Wenn die sich im Nachhinein als Defizit in jeder Beziehung herausstellen - wenn kümmert's dann noch? Und wer wird so kleinlich sein, die behauptete Umwegrentabilität infrage zu stellen. Hauptsache, es war ein Mega-Event.

Oder die Modellpolitik, mit der nicht nur die amerikanischen Autokonzerne in die Sackgasse gefahren sind? Möglichst groß, möglichst stark.

Um zurück zum Finanzmarkt zu kommen: Wenn selbst biedere österreichische Gemeindeverwaltungen der Gier nach möglichst hohen Renditen verfallen und Steuergelder in mehrstelliger Millionenhöhe verzocken, ist jedes menschliche Augenmaß verloren gegangen.

Und wenn jetzt so viel von Nachhaltigkeit die Rede ist: Jeder Euro, der in Bildung, Qualifikation, Integration, Förderung von innovativen Klein- und Mittelbetrieben, also direkt in Menschen investiert wird, rechnet sich letztlich um ein Vielfaches besser als die höchste Rendite auf dem Kapitalmarkt oder die (vermeintliche) höchste Umwegrentabilität von Mega-Events.

Was also folgt auf "giga", wenn wir die Botschaft der Krise verstanden haben? Die (Rück-)Besinnung auf den Menschen als kleinste und zugleich größte Einheit. Isolierte Humanbiotope und geschützte Werkstätten kann es in einer durch und durch vernetzten Welt nicht mehr geben. Die Globalisierung verpflichtet nicht nur die Entscheidungsträger in Wirtschaft und Politik, sondern jeden Einzelnen dazu, auch in seiner persönlichen Lebensweise immer die Welt mitzudenken. Und diese Aufgabe ist groß genug. (DER STANDARD, Printausgabe, 23.2.2009)

Share if you care.