Solidarität, Mut und neues Denken

22. Februar 2009, 18:40
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Die Finanz- und Wirtschaftskrise lässt kein pathetisches Gedenken an das Wendejahr 1989 zu - Umso stärker unterstreicht sie den Wert der Freiheit und die Dringlichkeit solidarischen Handelns - Eine Diskussion im Burgtheater

Die Finanz- und Wirtschaftskrise lässt kein pathetisches Gedenken an das Wendejahr 1989 zu. Umso stärker unterstreicht sie den Wert der Freiheit und die Dringlichkeit solidarischen Handelns, wie am Sonntag im Wiener Burgtheater deutlich wurde.

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Wir wussten nicht, was morgen passieren würde." Der britische Historiker und Publizist Timothy Garton Ash sprach von den Ereignissen des europäischen Wendejahres 1989, die er hautnah beobachtet, packend beschrieben und scharfsichtig analysiert hat. Ins Präsens übertragen, trifft der Satz exakt die Situation 20 Jahre danach, im Angesicht der Krise.

Die war als übergroßes Fragezeichen am Sonntagvormittag im Wiener Burgtheater bei einer weiteren Runde des Europa-Diskurses präsent, den das Institut für die Wissenschaften vom Menschen (IWM), die Erste Stiftung, das Burgtheater und der Standard gemeinsam veranstalten. Was sind die Lehren von 1989 für die heutige Krise? Kann das damals wiedervereinigte Europa sie unbeschadet überstehen?

"Es war ein Moment der Intuition", meinte Adam Michnik, Chefredakteur der bedeutendsten Zeitung Polens, der Gazeta Wyborcza, und im Frühjahr 1989 auf der Seite der Gewerkschaftsbewegung "Solidarität" an den Verhandlungen am runden Tisch beteiligt. Die Polen, in ihrer Freiheitsliebe traditionellerweise stark im Barrikadenkampf, aber weniger vertraut mit der Suche nach dem demokratischen Kompromiss, hätten die historische Chance genutzt. Denn es hätte ja auch anders kommen können: "Mit einem russischen Machthaber wie heute Putin wären wir wahrscheinlich behandelt worden wie Georgien." Heute stehe man wieder an einer Wegkreuzung, zwischen der "souveränen Demokratie à la Putin" und der europäischen, liberalen, rechtsstaatlichen Demokratie - "es ist allein unsere Wahl".

Dass eben diese liberale europäische Demokratie ein Opfer der Krise werden könnte, stand wie ein unsichtbares Szenario in den Kulisse hinter den Diskutanten auf der Bühne. Viktor Orbán, ehemaliger Dissident und späterer ungarischer Regierungschef, spricht angesichts drohender Staatsbankrotte von einer "echten, ernsten Gefahr" für Mittel- und Osteuropa. Werde den Ländern nicht geholfen, dann könne die Krise "alles zerstören". Die Osterweiterung sei Voraussetzung für die globale wirtschaftliche Wettbewerbsfähigkeit der EU gewesen. Ohne die neuen Mitgliedsländer könne die Union in der globalen Konkurrenz nicht bestehen.

Jetzt aber sei alles in Gefahr, was in den letzten 20 Jahren erreicht wurde, warnt Orbán: "Was jetzt passiert, ist ein Finanz-Protektionismus der Westeuropäer gegenüber Zentral- und Osteuropa. Das kann die Einheit der EU zerstören."

"Enorme zentrifugale Kräfte" in der Krise ortet auch Kurt Biedenkopf, ehemaliger Ministerpräsident von Sachsen und früherer CDU-Generalsekretär. "Europa hat die Illusion geschaffen, dass wir auf Kosten künftiger Ressourcen leben können. Das funktioniert nicht." Die Frage sei nun, ob das Problem von denselben Eliten zu lösen sei, die es geschaffen hätten.

Angesicht einer drohenden Renationalisierung in der Finanzpolitik sieht Biedenkopf den Testfall darin, ob der europäische Stabilitätspakt hält - er müsse allerdings der neuen Situation angepasst werden. Es bedürfe jedenfalls enormer Anstrengungen, Europa zusammenzuhalten. "Dabei können wir großen Mut daraus beziehen, wozu die Europäer 1989 fähig waren."

Dem Drängen Orbáns nach koordinierter Finanzhilfe für die gefährdeten mittel- und osteuropäischen EU-Länder - "Wie lange sollen wir noch warten?" - begegnete Biedenkopf mit der Feststellung: "Das Problem ist erkannt. Wenn die Leute sehen, was die Alternativen sind, werden sie handeln."

Was die Wende von 1989 betrifft, so wies Biedenkopf auf einen seiner Meinung nach entscheidenden Unterschied in Deutschland im Vergleich zu den anderen mitteleuropäischen Ländern hin: In Ostdeutschland habe es sich nicht um einen "selbstinitiierten" Prozess zur Befreiung als Nation gehandelt, das zentrale Thema sei die Wiederbereinigung gewesen. Bei Historikern dürfte diese Interpretation, mit Blick auf die von Versammlungen in Kirchen ausgehende Demokratiebewegung, nicht unumstritten sein.

Hat Europa seine beste Zeit schon hinter sich? Für Michnik waren die vergangenen 20 Jahre jedenfalls "die besten 20 Jahre der polnischen Geschichte der letzten 300 Jahre". Bei Garton Ash hört sich das so an: "1989 war vermutlich der beste Moment in der europäischen Geschichte." Aber vielleicht sei es auch der letzte von solcher Bedeutung gewesen. Garton Ash sieht, nicht nur als Reaktion auf die Krise, die Gefahr der Renationalisierung, und verweist dabei auch auf Deutschland. Egal, ob in Moskau, Peking oder Washington: Die Europäer würden als schwach, uneinig, selbstgerecht und heuchlerisch gesehen. Jedenfalls stehe man Scheideweg: "Wir müssen voranschreiten, oder wir fallen zurück." Dabei sei das Problem Europas nicht die Stärke, sondern die Schwäche Amerikas.

Auch Garton Ash sieht in den Tugenden der Akteure von 1989 Anleitungen zur Bewältigung der aktuellen Krise: "Solidarität, Mut und neue Arten des Denkens." Als vielleicht letzten Europäer würdigte er den ehemaligen polnischen Außenminister Bronislaw Geremek, der im Vorjahr bei einem Verkehrsunfall ums Leben kam, und schloss daran die Forderung nach einer neuen, jungen Generation von engagierten Europäern, die an die gemeinsame Sache glauben. Da ließ Michnik den Namen Schwarzenberg (tschechischer Außenminister) fallen. Und irgendwer meinte, man habe von junger Generation gesprochen. (Josef Kirchengast, DER STANDARD, Printausgabe, 23.2.2009)

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Einen Tag nach der Verurteilung Václav Havels in Prag erschien am 22. Februar 1989 im Standard der folgende Beitrag des Dissidenten

  • Audio-Diashow der Diskussion (Tondokument zur Verfügung gestellt vom Burgtheater, Fotos: DER STANDARD/Christian Fischer)

  • Die Krise als unsichtbare Kulisse auf der Burgtheaterbühne. Die hochkarätige Diskussionsrunde wurde von IWM-Rektor Krzysztof Michalski moderiert.
    foto: fischer

    Die Krise als unsichtbare Kulisse auf der Burgtheaterbühne. Die hochkarätige Diskussionsrunde wurde von IWM-Rektor Krzysztof Michalski moderiert.

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