"Bosnien ist ein Zwang, das Resultat von Dayton"

22. Februar 2009, 17:01
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An der Republika Srpska (RS), der mehrheitlich von Serben bewohnten Teilrepublik von Bosnien-Herzegowina, dürfe nicht gerüttelt werden

Mit Premier Milorad Dodik sprach Andrej Ivanij.

STANDARD: Wenn man Sie irgendwo in Europa fragen würde, woher Sie kommen, was wäre Ihre Antwort?

Dodik: Aus der Republika Srpska.

STANDARD: Heißt das, dass Sie Bosnien und Herzegowina nicht als Ihren Staat empfinden?

Dodik: Bosnien ist für uns ein Zwang, das Resultat des Friedensabkommens von Dayton. Als ein Mann, der das Recht akzeptiert, erkenne ich das an. Aber wenn sie mich nach meinen Emotionen fragen, dann werde ich immer sagen, dass ich aus der Republika Srpska, aus Banja Luka komme. Und wenn diese Identifikation nicht ausreicht, dann sage ich, dass ich aus Belgrad, aus Serbien bin.

STANDARD: Wie ist Ihre Vision von Bosnien und Herzegowina?

Dodik: Düster. Wir sind grundsätzlich nicht gegen Bosnien, aber es ist sicher nicht ein Bosnien, wie man es sich in Sarajevo vorstellt. Bosnien hat eine Chance, sich als Bund sehr loser föderaler Einheiten zu erhalten.

STANDARD: Warum wächst Bosnien auch vierzehn Jahre nach dem Krieg nicht zusammen?

Dodik: Bosnien hat sich die ganze Zeit über erhalten, weil es die internationale Gemeinschaft so wollte. Es hat seine internationale Legitimität bekommen, weil es große Länder anerkannt hatten. Aber es ist Bosnien nie gelungen, die innere Legitimität und Souveränität herzustellen. Das ist der Kern aller Probleme, denn nur wenige Staaten konnten sich aufgrund internationaler Souveränität erhalten.

STANDARD: Wie steht es um die Verfassungsreform? Es war die Rede von einer Neuaufteilung Bosniens.

Dodik: Unsere Position ist ganz klar. Die RS bleibt in ihrer jetzigen territorialen und politischen Kapazität unantastbar, wie das im Abkommen von Dayton definiert ist. Die RS hat bewiesen, dass sie sich selbstständig erhalten kann, alle Standards des modernen Europas implementiert und völlig gleich berechtigt alle Nationalitäten aufnimmt. Wenn sich die Herrschaften aus der Föderation auf neue Entitäten im Rahmen der Föderation einigen, habe ich nichts dagegen. Die Föderation ist für uns Ausland.

STANDARD: Hat der Internationale Hohe Vertreter immer noch das letzte Wort in Bosnien?

Dodik: Ja. Aber diese Zeiten sind vorbei. In der Praxis kann der Hohe Vertreter mit Gewalt seinen Willen nur schwer durchsetzen. Jahrelang war er ein Motor der Politik in Sarajevo, man hat über 200 demokratisch gewählte Leute in der RS einfach abgelöst, unsere Fonds, unser Geld weggenommen, uns Rechte abgestritten, alles im Namen eines angeblich normalen Bosniens. Nichts hat genützt, auch der internationalen Gemeinschaft ist mittlerweile klar geworden, dass die RS ein Faktor ist, der bestehenbleiben wird. Jetzt besteht der Wunsch in Sarajevo, dass wieder ein ausländischer Maharadscha kommt, ein Brite sollte es sein, der sich wie ein Elefant im Porzellanladen benehmen würde.

STANDARD: Aber der Hohe Vertreter ist ja für die Umsetzung des Dayton-Abkommens zuständig.

Dodik: Ja, aber anstatt den Wortlaut des Abkommen durchzusetzen, wird jetzt der Sinn, der Geist von Dayton gedeutet. Und wenn sie einmal den Geist herauslassen, ist es schwer, ihn wieder einzufangen. Jetzt machen sich Muslime wieder Hoffnung, dass die Ausländer die RS säubern, die Kroaten noch weniger werden, und dass, wer bleibt, sich assimilieren und nach ihren Vorstellungen leben wird. Wenn man sich nicht strikt an das Abkommen hält und stattdessen seinen Geist deutet, dann fühlen sich natürlich die Kroaten betrogen und wollen auch eine eigene Entität haben. Jetzt ist dieser Geist aufgeblasen, und die Sonne kann deshalb nicht bis nach Bosnien durchscheinen. (DER STANDARD, Printausgabe, 23.2.2009)

 

 

Zur Person: Milorad Dodik( 49) ist Chef der Allianz der unabhängigen Sozialdemokraten (SNSD) und seit 2006 Premier der RS. Der Politologe wurde zunächst von der internationalen Gemeinschaft hofiert. Kürzlich wurde gegen ihn in Sarajevo Anklage wegen Veruntreuung von 72 Mio. Euro und Geldwäsche erhoben. Dodik wies alle Beschuldigungen als politische Manipulation ab, die seine Ablösung einleiten sollte, die der neue Hohe Vertreter durchführen würde.

 

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    Milorad Dodik ist der mächtigste Mann in der Republika Srpska, er tritt gegen eine verstärkte Macht der Zentralregierung ein.

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