Trotzen im Tarnanzug mit Topf

21. Februar 2009, 17:33
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Umsatzeinbrüche von bis zu 40 Prozent: Die Wirtschaftskrise hat die Modeszene in New York fest im Griff

Marc Jacobs, Rodarte und Zac Posen setzen sich mit ihren neuen Kollektionen über die Stimmung hinweg.

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Wie sehr sind die DesignerInnen von der Finanzkrise betroffen? Diese Frage war allgegenwärtig auf der diesjährigen New Yorker Modewoche. Die erste Schockwelle löste Marc Jacobs mit der Ankündigung aus, dass er statt der üblichen 2000 nur 700 Gäste zu der begehrtesten Schau der Woche einladen werde. After-Partys wurden gestrichen. So manche Schau zur Präsentation reduziert. Und die drei jungen Designer Nicholas K, Sergio Davila und Mara Hoffman teilten sich gar am Sonntagmorgen eine Schicht auf dem Laufsteg in den Zelten am Bryant Park.

Nach Ende der Schauen lässt sich allerdings sagen: Die Kreativität leidet nicht unter der Wirtschaftskrise. Im Gegenteil. Die Rezession wurde zum kreativen Katalysator. So setzt sich Marc Jacobs mit seiner Kollektion über die trübe Stimmung hinweg und bedient sich aus dem grellen Repertoire der punkigen Achtziger. Kastige Mäntel in Neonfarben, Extrem-Schultern und Make-up, das an Boy Georges glorreiche Zeiten erinnert.

"Die Kollektion ist für Menschen, die Mode lieben", so Jacobs. An seine guten alten Partyzeiten in New York habe er beim Entwerfen gedacht, und nicht an die Wirtschaft. Ob sich diese Entwürfe verkaufen, war da nebensächlich.

Diesen Luxus leisten sich für den kommenden Winter nicht viele Designer. Tragbare und kommerzfreundliche Entwürfe dominierten mehr denn je die Laufstege. Auch wenn die Runway-Modelle meist als entschärfte Variante im Laden enden, will man dieses Jahr auf Nummer sicher gehen. Schließlich sind Luxus-Kaufhäuser wie Barneys, Bergdorf Goodman oder Saks auf Sparkurs eingestellt.

An Realität geschult

Donna Karan zeigte eine ihrer ausgereiftesten Kollektionen der vergangenen Jahre. "Inspiriert von der Realität" ist das Mantra und ein Beweis für ihren Geschäftssinn. Die New Yorkerin kreierte, was sie am besten kann: Mode für Power-Frauen. Kegelförmige Anzughosen, drapierte Jersey-Kleider und Tops über gradlinigen Röcken, dazu Kaschmirmäntel gepaart mit Shearling-Pelzstulpen - dominierend sind dabei die betonten Schulterpartien und Taillengürtel.

Akustisch begleitet wurde die Kollektion vom Pianisten Eric Lewis. Lewis war nicht der einzige Live-Musiker, der auf den New Yorker Laufstegen für Stimmung sorgte. Diesel Black Gold etwa erinnerte mit einem Jazz-Quartett akustisch an die Zwanziger. Auch die Mode zitiert die Vergangenheit, mit Anspielung auf die Depression Ende der Zwanzigerjahre. Allerdings ohne jegliche Schwermut. Die männlichen Models stimmten die Atmosphäre mit Schirm, Charme und Melone ein. Stoffe wurden geschichtet, Materialien gemixt, Korsagen und Strumpfbänder angedeutet, Dessouskleidchen mit Spitze geschmückt und die nüchternen Farben wichen kaum von Weiß, Schwarz und Grautönen ab.

In New York brüteten in den letzten Jahren eine ganze Reihe von Nachwuchstalenten vielversprechende Kollektionen aus. Besonders präsent waren auch diese Saison junge Asiaten wie Derek Lam, Alexander Wang und Phillip Lim. Den Karrieredurchbruch zelebrierte der 26-jährige Jason Wu. Der Grund: Die amerikanische First Lady Michelle Obama trug zur Amtseinführung ihres Gatten ein Kleid des in Taiwan geborenen Designers.

Frankensteins Comeback

Ähnlich viel Euphorie löste das kalifornische Designer-Duo Rodarte aus. Die beiden Schwestern Kate und Laura Mulleavy haben die Modewelt wieder mit ihren eigenwillig poetischen Entwürfen verzaubert. Die Leidenschaft fürs Schneiderhandwerk, aufwändige Details und kunstvolle Konzepte haben sich auf dem Laufsteg zu einem Mix aus Romantik und Balenciaga'schem Futurismus materialisiert. Die fast hüfthohen geschnürten Lederboots bestätigen die von Rodarte genannte Inspirationsquelle: Frankenstein.

Den krönenden Abschluss der Woche bildete aber Jungdesigner Zac Posen. Er schickte eine glamourös-romantische Kollektion auf den Laufsteg, die pompöse viktorianische Silhouetten, Rüschen und hochstehende Kragen und edel glänzende Stoffe zelebriert. Auch Posen zeigte betonte Schulterpartien, in allen erdenklichen Variationen. Ein Trend, an dem man im nächsten Winter nicht vorbeikommt - genauso wenig wie an Gürteln. An Kreativität wurde diese Saison nicht gespart. Aber symbolisch hat man den Gürtel sichtbar enger geschnallt. (Nana Gilbert aus New Yor/Der Standard, Printausgabe 21/02/2009)

 

  • Hut mit Sehschlitz: Mode von Narciso Rodriguez
    foto: epa

    Hut mit Sehschlitz: Mode von Narciso Rodriguez

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