Die Gewohnheit der Macht

21. Februar 2009, 17:05
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Die drei besten Skispringer der Saison standen nach dem ersten WM-Bewerb auf dem Podest. Wolfgang Loitzl routiniert in der goldenen Mitte

Jested 2 bedurfte also keiner Einhausung, um den Weltcup widerzuspiegeln. Die windanfällige, abnormale Normalschanze von Liberec hat ein normales Ergebnis zugelassen am Samstag.

Wolfgang Loitzl, erst eben noch aussichtsreicher Zweiter und dann fünfmaliger Weltmeister, hatte schon vor dem letzten Springer gewusst, dass er erstmals nur für sich selbst Gold holen würde. Und Harri Olli, der Finne mit dem Skandalpotenzial eines Matti Nykänen, bestätigte die Vorahnung eindrucksvoll, brachte seine Halbzeitführung aber so etwas von nicht hinunter zum kritischen Punkt.
Schon quittierte der den WM-Medaillen nach erfolgreichste unter Österreichs aktiven Nordischen den Zugewinn mit Gesten des Jubels. Ja, bei der Ehrung auf der Medal Plaza vor dem Rathaus von Liberec, an der Seite der ebenfalls dekorierten Gregor Schlierenzauer und Simon Ammann, durfte es sogar ein Jauchzer sein.

Davor und danach hatte sich Loitzl aber voll und ganz in Griff. Kein Vergleich zur unbändigen Freude des Polen Kamil Stoch über den angeblich undankbaren vierten Platz, schon gar nicht zur maßlosen Enttäuschung von Thomas Morgenstern nach dem Sturz, der zumindest Silber gekostet hatte. "Ich habe lange gebraucht, um einer der richtig guten Springer zu werden" , sagt Loitzl. "Und so blöd das klingt, aber ich habe mich daran gewöhnt. Es ist eine Art Routine geworden."

Sagt einer, der am 1. Jänner dieses Jahres und in Garmisch, im 223. Weltcupversuch, erstmals den Sieg gekostet hat. Und der in Liberec erst seinen fünften Erfolg verbuchte. "Garmisch war der wichtigste Sieg. Da war die Emotion, endlich die Gewissheit, auch gewinnen zu können. Bischofshofen war auch wichtig, weil ich da den Tourneesieg fixiert habe." Und Liberec? "Kommt drauf an, wie man das gewichtet, den Tourneesieg und die Goldene."Loitzl gewichtet bedächtig. Wenn sich aber die Waage entschieden hat, kommentiert er das Ergebnis deutlich. Etwa den Anteil von Alexander Pointner an seiner Entwicklung. Des Cheftrainers, der jetzt wirklich alles gewonnen hat. Von Olympia-Gold im Einzel und mit der Mannschaft über den Gesamtweltcup, die Vierschanzentournee bis hin zum ersten Einzelweltmeistertitel seit Heinz Kuttin 1991 in Val di Fiemme. Die beiden letzten Erfolge hat ihm Wolfgang Loitzl besorgt.

Zeitweise habe es überhaupt nicht funktioniert zwischen dem Trainer und seinem ältesten Athleten. "Wir haben oft aneinander vorbeigeredet. Jetzt bin ich selbstständig, habe alles in die eigene Hand genommen. Seither funktioniert es besser. Ich will niemandem etwas wegnehmen, aber in den letzten beiden Jahren habe ich die Vorbereitung mit Nik Huber im B-Kader absolviert. Wenn ich erfolgreich bin, ist es mit mir leicht zu arbeiten." Loitzl hat abgewogen.
In Liberec bleibt noch einiges zu tun. "Wir machen das auf dem großen Bakken wett" , sagte der Weltmeister zu Morgensterns Pech. Der hatte nach seinem Sturz geweint. Weder Anton Innauer ("Dieses Missgeschick kann noch bei dieser WM eine ganz besondere Geschichte werden, ich erinnere nur an Hermann Maier" ) noch ÖSV-Präsident Peter Schröcksnadel ("Wenn einem ein Fisch von der Angel geht, soll man sich auf den nächsten freuen" ) konnten den Doppelolympiasieger trösten. Loitzl will helfen, "aber eigentlich kann ich wenig tun." Am Freitag wird auf der Großschanze ein weiterer Weltmeister gekürt, am Samstag steigt der Mannschaftsbewerb. "Der Weltmeistertitel war die Draufgabe. Alles, was jetzt noch kommt, ist die Draufgabe auf die Draufgabe." Da braucht Loitzl gar nicht abwägen. Garmisch kommt ohnehin nie wieder. (Sigi Lützow aus Liberec, DER STANDARD, Printausgabe, Montag, 23. Februar 2009)

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    Die Medaillisten auf der Normalschanze: Gregor Schlierenzauer, Wolfgang Loitzl, Simon Ammann (v.li)

  • Silber durch ein Missgeschick bei der Landung vergeben: Thomas Morgenstern.
    foto: epa/ breloer

    Silber durch ein Missgeschick bei der Landung vergeben: Thomas Morgenstern.

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    Silber-"Schlieri"

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    Gold-"Wuff"

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