Das preiswürdige ABC der Wildtiere

22. Februar 2009, 20:14
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Michael Stavaric gewinnt in Reichenau an der Rax den Literaturbewerb Wartholz 2009

Reichenau - Was die Natur betreffe, meinte Friederich Torberg einmal, genüge ihm der Schnittlauch auf der Suppe. Allerdings gibt es auch Gegenden, Landschaften, welche die Literatur und die Autoren anzuziehen scheinen. Reichenau an der Rax war so ein Ort, Freud verbrachte hier viele Sommerwochen, Werfel, Schnitzler, Altenberg auch, und ganz in der Nähe schrieb Doderer Teile seiner Strudlhofstiege.

Das alles ist länger her, und in den letzten Jahrzehnten wurde es um die kleine Marktgemeinde, was die Literatur betrifft, ruhig. Klar, es gibt das Theater und die Festspiele Reichenau, die auch schon - Stichwort teuer und ausverkauft - als "Ferrari unter den Sommerfestspielen" bezeichnet wurden. Zeitgenössische Literatur hingegen spielte kaum mehr eine Rolle.

Geändert hat sich das 2008, als zum ersten Mal der Literaturwettbewerb Schloss Wartholz stattfand, der am Wochenende zum zweiten Mal abgehalten wurde. Ähnlich wie beim Bachmannpreis-Wettlesen stellen sich an zwei Tagen 15 Autoren aus Deutschland und Österreich mit ihren Texten einer mit Meike Feßmann, Katja Gasser, Bernhard Fetz und Hubert Winkels prominent besetzten Jury. Und wie in Klagenfurt spielt sich das Ganze vor Publikum ab, allerdings unaufgeregter im guten Sinn.

Denn einerseits ist das Spektrum der in Reichenau gelesenen Texte breiter. Zum Beispiel darf hier, auch Lyrik eingereicht werden; andererseits nehmen die Juroren nicht "ihre" Autoren mit, sondern eine Vorjury wählt die Texte (heuer 600 Einsendungen) aus, was den Profilierungsdruck innerhalb der Jury mindert.

Geeinigt hat sie sich schließlich auf den 1972 in Brno und heute in Wien lebenden Michael Stavaric, der mit dem mit 10.000 Euro dotierten Hauptpreis ausgezeichnet wurde. "Man darf Wildtiere nicht berühren, ihnen käme sonst die Zuversicht abhanden, ihr Leben zu meistern, sagte mein Onkel. Ich glaubte damals, diese Wirkung hätten nur Geister oder deren Nachfahren" heißt es in Stavarics kompaktem Siegertext Geister um einen Heranwachsenden, das Verborgene und das nicht Sicht-, sondern nur Spürbare. Der zweite und der dritte Preis (4000 Euro und ein zweimonatiges Stipendium in Reichenau) gingen mit Christian Schloyer und Andrea Heuser an die Lyrik, wobei Schloyer, der 2007 den renommierten Leonce-und- Lena-Preis gewann, mit seinen präzisen, reduzierten Gedichten kein Unbekannter und Andrea Heuser eine Entdeckung war. Den neu ausgeschriebenen Publikumspreis gewann Eva Roman, die am Deutschen Literaturinstitut Leipzig studiert, den Newcomerpreis die 18-jährige Rita Tiemann, die nächste Woche ihr Abitur macht.

Kontinuitätsbemühungen

Die Textqualität war dieses Jahr hoch, höher als im vergangenen Jahr, und der Spagat zwischen hochwertiger Literaturvermittlung und eventhaftem Lesefest scheint im beeindruckenden Ambiente von Schloss, Rax und Höllental gut zu gelingen. In Erinnerung bleiben werden den Zuhörern nicht nur die Preisträger, sondern auch die Lesungen von Michaela Falkner und Lisa Spalt sowie die bisher noch kaum gehörten Namen Constantin Göttfert und Henriette Langer.

Entgegen anderslautenden Meinungen ist heute nicht nur die Wirtschaft, sondern auch die Kunst auf Geld angewiesen. Finanziert wird der Literaturwettbewerb zu 85 Prozent von Michaela und Christian Blazek, die vor einigen Jahren das Schloss kauften und die Schlossgärtnerei betreiben. Mit dem monatlich stattfindenden Literatursalon, wo schon Ransmayr, Gstrein, Turrini und Fian lasen, Marlene Streeruwitz und Karl-Markus Gauß sind angekündigt, versucht man auf Kontinuität zu setzen. Ein gutes Zeichen. (Stefan Gmünder / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 23.2.2009)

 

  • Prosa über die Pubertät: Michael Stavaric. 
 
 
    foto: norbert mang

    Prosa über die Pubertät: Michael Stavaric.

     

     

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