Virtueller Sport, realer Schmerz

21. Februar 2009, 10:52
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Eine Spielekonsole bringt Menschen in Bewegung: Doch der Einsatz von Nintendos Wii als elektronisches Fitnessgerät kann unerwünschte Nebenwirkungen haben.

Kaum klingt die Grippe ab, warnen Physiotherapeuten vor einer neuen Epidemie: "Wiitis" heißt sie, und in Spanien wird sie inzwischen mit Schmerz- und Entzündungshemmern in Creme- oder Pillenform behandelt.

Benannt ist sie nach der Spielekonsole Wii von Nintendo, die sich weltweit steigender Beliebtheit erfreut und bereits millionenfach verkauft wurde.

Eigentlich wäre das nichts Neues. Denn mit der Evolution der Hightech-Spiele-Boxen von Nintendos Gameboy zur Spielekonsole Wii mit virtuellen Centre-Court im Wohnzimmer scheinen sich Berichte über Störungen und Krankheiten bei Gamern exponentiell zu steigern.

Nintendo- und Playstation-Daumen

Denn stets wurde Japans Videospiel-Methusalem von Nintendo für neue "Krankheiten" verantwortlich gemacht: vom Nintendo-Daumen (später Playstation-Daumen) über den Nintendo-Nacken bis zur "eitrigen Nintenditis", stark entzündene Schürfwunden durch einen etwas sperrigen Game-Cube-Controller verursacht.

Aber jetzt scheint die Verletzungshäufigkeit zu steigen, da Spielekonsolen auch die Steuerung von Spielen und Fitnessprogrammen durch realen Körpereinsatz ermöglichen.

Erstmals in Umlauf gebracht hat den Begriff Wiitis bereits 2007 ein Spanier im angesehenen New England Journal of Medicine. In einem Artikel beschrieb der Familienarzt Julio Bonis Sanz Symptome, die er nach der auf der Well- und Fitnessschiene beworbenen Spielkonsole Nintendo Wii taufte, die zehnmillionenfach verkauft wurde.

Verletzungen wie im Sport

Diese Symptome sind mit den schmerzhaften Begleiterscheinungen identisch, an denen untrainierte Amateursportler nach Bewegungsexzessen leiden: Muskelkater, Tennisarm und Sehnenscheidenentzündungen oder dem medizinisch "Lumbago" benannten Hexenschuss. All das werde durch exzessives Konsolenspielen ausgelöst, warnte der Mediziner. Die beste Vorbeugung seien Aufwärm- und Dehnungsübungen, sind sich Experten einig: Denn die Verletzungen sind dieselben wie im realen Sport.

"Wir verbuchten in den letzten Monaten einen deutlichen Anstieg bei Verletzungen durch diese Videospiele", sagt María Almansa von der Physiotherapeutenkammer der Region Kastilien und La Mancha in der Tageszeitung El Mundo.

Häufig Knieverletzungen

Aber wenn es nur beim Muskelkater, dem "Agujetas", bliebe: "Knieverletzungen sind häufig", sagt die Physiotherapeutin, und "verstauchte Knöchel, wenn Spieler von der Plattform fallen", dem Trainingsgerät Wii-Fit zur Spielekonsole. Auch Rückenschmerzen kämen häufig vor.

Spezialisten der Mayo-Clinic mit Sitz in Rochester, Minnesota, konnten 2008 mittels Magnetresonanz-Bildern einen Fall von Wiitis an einem sonst gesunden 22-Jährigen diagnostizieren. Im Gegensatz zu vorübergehenden, stechenden Daumenschmerzen, die eine Super-NES-Konsole mit den Spielen Ninja-Turtles oder Streetfighter bereits in den 1990ern bewirken konnte, hatte er starke Schmerzen im Arm. Herbeigeführt wurden sie von virtuellem Bowling.

"Wie verrückt spielen"

"Ich gehe nicht ins Fitnessstudio", sagt auch die Wiitis-Betroffene María. Gemeinsam mit ihrem Partner Julio spielte sie Golf und Tennis am TV-Schirm. Zwar war die Bewegung gut für ihre Gesundheit, aber die Nebenfolgen zeitigten sich rasch.

Weltweit "leiden" Konsolenspielern an den Folgen, warnt der Physiotherapeut Isaac del Real. Im Schnitt seien Betroffene zwischen 30 und 35 Jahre alt. Ihre Beschwerden würden mit der Anzahl der Stunden, die ungeübte Spieler "wie verrückt spielen", steigen. Er rät, jede Stunde zehn Minuten Pause als Prophylaxe zu machen. (Jan Marot aus Madrid/ DER STANDARD Printausgabe, 21. Februar 2009)

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    Fit bleiben mit der Spielekonsole Wii: Wie bei realem Training kann es zu Muskelkater und auch Verletzungen kommen - inzwischen Wiitis getauft.

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