Ewiger Pechvogel namens Österreich

20. Februar 2009, 18:46
194 Postings

Droht Österreich wieder einmal eine zentrale Rolle in einem Unglücksszenario einzunehmen? - Von Robert Misik

Droht Österreich wieder einmal eine zentrale Rolle in einem Unglücksszenario einzunehmen? In der internationalen Finanzwelt fragt man sich schon, ob das Land der Dominostein ist, der das globale Wirtschaftgebäude zum Einsturz bringen wird.

In der internationalen Finanzwelt spinnt man dieser Tage folgendes Szenario: Der Fehler, Osteuropa nicht zu retten, könnte das Europäische Bankensystem zum Einsturz bringen – und damit Runde zwei der Kernschmelze auf den Finanzmärkten auslösen. Als schwächstes Kettenglied könnte sich Österreich erweisen. Angesichts von aushaftenden Ost-Krediten in der Höhe von 70 Prozent des BIP würden Österreichs Banken Ausfälle von 20 Prozent kaum überstehen. Wenn die erste österreichische Bank fällt, könnte dies eine Kettenreaktion auslösen und zu einem Totalkollaps führen. Da die amerikanischen und britischen Banken ohnehin faktisch insolvent sind und die deutschen Banken ähnliche Risiken in ihren Büchern haben wie die österreichischen, wäre dies der Stoß, der das gesamte Gebäude zum Einsturz bringt.

Sicher, ein Worst-Case-Szenario. Aber in den vergangenen Monaten sind schon verdammt viele Worst-Case-Szenarien Realität geworden. Käme es so, das kleine Österreich wäre wieder einmal eine zentrale Rolle im Unglück zugekommen. Da werden historische Erinnerungen wach. Sarajewo. Hitler. Schon Ende der Zwanzigerjahre war der Zusammenbruch der Creditanstalt ein Schlüsselereignis, das zum Finanzkrach und zur Großen Depression führte.

Klar, man soll das Unglück nicht herbeireden. Klar auch, die Risiken, die Österreichs Banken anhäuften, sind "ehrenhafter" als das Ponzi-Schema, das US-Banken mit ihren Asset Backed Securities aufbauten, mit den Hypothekenkreditbündeln, die sich als Schrottpapiere entpuppten, nachdem sie in alle Welt verkauft waren. Österreichs Banken investierten ja immerhin in produktive Investitionen und den Aufbau Osteuropas, auch wenn das wie vor ein paar Tagen im britischen Telegraph als "Habsburg Adventurism" verunglimpft wird. Sicherlich wäre Österreich nicht der Auslöser der Krise. Aber man sieht an dem Drama auch, wie relativ Begriffe wie "Werte" und "wertlos" sind. Die Hypothekarkreditbündel, die die Krise auslösten, stellten ja nur einen ganz geringen Teil der international gehandelten Wertpapiere. Ihr Verfall entwertete aber auch "wertvolle Werte". Weil Banken und Investoren, die diese Schrottpapiere in ihren Bilanzen hatten, Liquiditätsprobleme bekamen, verkauften sie andere Wertpapiere, stiegen aus Investitionen aus.

Wenn alle gleichzeitig verkaufen und keiner kauft, fallen auch die potenziell wertvollen "Werte" im Wert, was weitere Liquiditätsprobleme auslöst und so weiter und so fort. Und weil, wenn Investitionen aus "Emerging Markets" abgezogen werden, die Konjunktur abschmiert, fallen auch ganz normalen Firmen- und Häuselbauerkredite aus.

Ob Österreichs Banken unvernünftig hohe Risiken eingegangen sind, ist eine schwierige Frage. Welchen Anlass sich das Unglück am Ende sucht, um einzutreten, hängt auch von Zufällen ab. Aber man soll sich zur Sicherheit darauf einstellen, dass demnächst vielleicht die Welt folgende Frage diskutiert: Warum, verdammt noch mal, zieht dieses kleine Österreich das Pech förmlich an? (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 21./22.2.2009)

Zur Person

Robert Misik lebt als Autor in Wien (zuletzt: "Politik der Paranoia", Aufbau Verlag)

Share if you care.