Chinas Wanderarbeiter ohne Jobs

20. Februar 2009, 18:47
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25 Millionen Bauern, die sich als Wanderarbeiter in Fabriken verdingen, haben wegen der globalen Finanzkrise bereits ihre Arbeit verloren

Die Führung in Peking ist geschockt und befürchtet Aufstände.

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Zweimal am Tag, frühmorgens und abends, schaltet Wang Shilin das Mikrofon seiner Radioanlage ein. „Die Taida-Gruppe bietet uns neue Jobs an", plärrt dann seine Stimme aus den Lautsprechern. Der Dorffunktionär sitzt im Seitenflügel des Parteisitzes von Yijing-Cun, dem Yi-Brunnendorf, tief im Süden der Provinz Hebei. Im Hauptraum trifft sich die Parteizelle noch unter den Porträts von Marx, Engels, Lenin, Stalin und Mao. Trotz solcher ideologischer Ikonen ist der 54-jährige Wang ein moderner Dorfleiter. Täglich wendet er sich als Arbeitsvermittler über Lautsprecher an die 2100 Dorfbewohner. „Eine halbe Stunde später fragen die Ersten schon bei mir an", sagt er.

An diesem Tag im Februar zum Ende des chinesischen Frühlingsfestes liest Wang das Stellenangebot des Elektronikkonzerns Taida im 1000 Kilometer entfernten Suzhou vor. Das Unternehmen produziert für Firmen wie Sony, Acer oder Fujitsu. Es sucht Fließbandarbeiter, vorwiegend Frauen zwischen 18 und 24 Jahren. Sie müssen über 1,55 Meter groß sein und alle 26 Buchstaben des Alphabets kennen. „Für Taida arbeiten schon 20 aus unserem Dorf", sagt Wang. „Jetzt haben sich weitere 17 bei mir gemeldet." Die Firma zahle einen Mindestlohn von 850 Yuan (90 Euro) pro Monat bei freier Unterkunft und Arbeitskleidung. „Mit Überstunden lässt sich das verdoppeln." Das sei viel Geld für ein armes Dorf, wo jeder nur 600 Quadratmeter Boden zum Anpflanzen von Baumwolle oder Mais hat und pro Jahr kaum 60 Euro einnimmt. Mehr als 600 Bauern, die Hälfte aller Arbeitskräfte, seien 2008 als Wanderarbeiter unterwegs gewesen. Dieses Jahr aber sei es wegen der Krise schwer, gut bezahlte Jobs zu finden oder sie zu behalten. „60 Bauern des Dorfes haben schon ihre Arbeit verloren."

Aber Wang weiß sich zu helfen. Der Dorfvize erhält die Stellenausschreibungen aus der 15 Kilometer entfernten Kreisstadt Weixian. Sein Dorf Yi-Jingcun gehört einem Netzwerk an, das alle 840.000 Bauern im Kreis mit Informationen über Stellenausschreibungen versorgt. Um ein solches Modell wird Weixian von anderen Landstrichen beneidet. Denn ein Riesenproblem gärt in China. 130 Millionen Wanderarbeiter müssen der Wirtschaftskrise trotzen. Überall verlieren sie ihre Jobs, nachdem Hunderttausende Betriebe in den Exportzentren in Konkurs gingen, Löhne kürzten oder ihnen sagten, dass sie nach dem Frühjahrsfest nicht zurückkommen sollten. Pekings Berater für Bauernfragen, Chen Xiwen, sprach Anfang Februar von 25 Millionen Bauern, die nicht wissen, wo sie Jobs finden können. 20 Millionen hätten ihre Arbeit in den Städten verloren und kehrten in die Dörfer zurück. Fünf Millionen Bauern würden 2009 als neue Wanderarbeiter dazukommen.

Unsichere Führung

Sie sind die Bauernopfer der Krise. Ihre hohe Zahl hat das ganze Land geschockt, weil es allen vor Augen geführt hat, dass die heruntergespielte globale Krise China ernster als vermutet getroffen hat. Pekings Unsicherheit verstärkt sich noch, weil niemand wirklich weiß, was passiert, wenn die Millionen in die urbanen Zentren zurückströmen, ohne dort Arbeit zu finden. Die Haupt-Rückreisezeit des auf dem Land lange gefeierten Frühlingsfestes dauerte offiziell bis 19. Februar. Doch es wird noch dauern, bis das Ausmaß des Problems klar ist, weil Unternehmen in den derzeit schweren Zeiten ihren Arbeitsbeginn um Tage und Wochen verzögern. Li Shiming, der Arbeitsvermittler aus der Kreisstadt Weixian sagt: „Viele unserer jungen Bauern regeln erst einmal zu Hause private Dinge, verloben sich oder bereiten ihre Heirat vor." Es lohne sich für sie nicht, in die Städte zu gehen, solange die Löhne gedrückt werden. „Doch irgendwann werden sie losziehen."

Krise nach dem Urlaub

Die von der Krise am stärksten getroffene Exportprovinz Guangdong schätzt, dass von ihren mehr als zehn Millionen Wanderarbeitern, die zum Frühlingsfest nach Hause fuhren, etwa 9,7 Millionen Bauern wieder zur Arbeitssuche zurückkehren. Wegen der Krise werden mindestens 2,6 Millionen aber keine Arbeit finden. Peking sorgt sich auch um die gleichzeitige Zunahme der Zahl der registrierten städtischen Arbeitslosen, zurzeit 8,3 Millionen Menschen. Hinzu kommt die Akademikerschwemme. Schon 2008 fanden 1,5 Millionen von 5,6 Millionen Hochschulabsolventen keine Arbeit. 2009 kommen weitere 6,1 Millionen neuer Akademiker hinzu. Arbeitsexperten schrieben in der Zeitung Nanfang Zhoumo, dass China erstmals eine strukturelle Arbeitslosigkeit erlebe. (Johnny Erling aus Weixian, DER STANDARD, Printausgabe, 21.2.2009)

  • Bauern in der Provinz Hebei, die Peking umschließt, transportieren
Ziegelsteine. Die Wanderarbeiter bleiben nun mangels Jobs in den
Industriestädten zu Hause, die Provinz wartet auf staatliche
Bauaufträge. F.: Erling
    foto: erling

    Bauern in der Provinz Hebei, die Peking umschließt, transportieren Ziegelsteine. Die Wanderarbeiter bleiben nun mangels Jobs in den Industriestädten zu Hause, die Provinz wartet auf staatliche Bauaufträge. F.: Erling

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