Im Konflikt mit dem Publikum

20. Februar 2009, 18:41
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Die nächste Phase grüner Parteigeschichte: Man/frau polarisiert wieder

Wenn man kein Glück hat, kommt oft einmal auch ein Pech hinzu. Diese Lebensweisheit, die üblicherweise der österreichischen Fußball-Nationalmannschaft als Erklärung für den Spielverlauf dient, trifft dieser Tage ganz besonders auf die Grünen zu. Nach der holpernden Amtsübergabe von Alexander Van der Bellen zu Eva Glawischnig, der heftig umstrittenen Abwahl von Johannes Voggenhuber und einem aufgebrochenem Geschlechterkampf in den eigenen Reihen werden die Grünen jetzt von einer Datenklau-Affäre erschüttert. Dass "einE einzelneR MitarbeiterIn aus eigenem Antrieb die Daten abgerufen und an eine andere Partei weitergegeben hat", lässt darauf schließen, dass bei den Grünen nicht nur ihre Gender-sensibilisierte Sprache außer Kontrolle gerät. Wenigstens hat derdiedas MaulwürfIn nicht aus finanziellen Interessen, sondern aus Überzeugung gehandelt. Die Weitergabe von parteiinternen Unterlagen sollte wohl den Grant über Partei und Führung kompensieren.

Der dadurch aufgedeckte "Skandal", dass Glawischnig, die als Nationalratspräsidentin knapp 14.000 Euro im Monat verdiente, der Partei die Hotelrechnung von 106 Euro für eine babysittende Verwandte verrechnete, ist in seiner Dimension überschaubar. Wenn das die größte Sauerei ist, die in der grünen Buchhaltung begraben ist, sollte der Rechnungshof nur noch mit Grünen besetzt werden.

Dennoch werden in den Internetforen Details wie diese 106 Euro mit einer Vehemenz diskutiert, die jene 270.000 Euro, die der rechtsgedrehte Nationalratspräsident Martin Graf für sein Ausscheiden aus dem Forschungszentrum Seibersdorf kassiert hat, als lässliche Sünde dastehen lassen. Den Grünen weht vor allem vonseiten ihrer Sympathisanten und jener, die vorgeben, es zu sein oder gewesen zu sein, ein äußerst rauer Wind entgegen.

Es geht nicht um den Europakurs, um mangelnde Kompetenzen hie und da, auch nicht um den vermeintlichen Geschlechterkampf, an dem sich Machos wie Weicheier stoßen könnten. Es geht ums Atmosphärische: Die Grünen haben ein Stimmungsproblem.

Lange Zeit waren die Grünen eine Art Wohlfühlpartei, bei der sich ihre Wählerinnen und Wähler auch Dank der Überschaubarkeit zu Hause fühlen konnten - nicht nur rein ideologisch gedacht. So wie sich offenbar viele bei H.-C. Strache und der FPÖ heimelig fühlen. Für Kleinparteien ein wichtiges Asset.

Die Grünen waren immer mit verhältnismäßig viel Sympathie (und Nachsicht) konfrontiert. Das schlug sich auch in einer überproportionalen Medienpräsenz und in Umfragewerten nieder, denen die Realität des Wahlverhaltens nicht immer gerecht werden konnte. Jetzt scheint aber auch der Wohlfühlfaktor abhandengekommen zu sein. Die Grünen sind im Konflikt mit ihrem Publikum.

Das "Sympathische" lag zu einem Teil auch an der Person Van der Bellen. Der "Professor" war als Politikertypus so schräg, dass er automatisch Glaubwürdigkeit besaß. Er war ein Politiker, den man "mögen" konnte. Manchen in der Partei war er sogar zu "angenehm".

Glawischnig ist anders. Auch wenn sie von ihrem Werdegang her - sie kommt von einer Umweltschutzorganisation - als Grün-Politikerin authentischer ist als Van der Bellen, tut sie sich in der Außenwirkung um vieles schwerer. Die Schnelligkeit, mit der Van der Bellen verräumt und Voggenhuber abserviert wurde, dürfte langjährige Parteigänger zusätzlich irritiert haben.

Die "Kälte", die manche damit verbinden, wird Glawischnig angelastet. Sie erfährt derzeit, dass Kompetenz, die sie in Umweltfragen zweifellos hat, nicht das erste Kriterium politischer Wahrnehmbarkeit ist. Man könnte die Diskussion auch positiv besetzen: Endlich polarisieren die Grünen wieder. (Michael Völker, DER STANDARD, Printausgabe, 21.2.2009)

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