"Das Modell der friedlichen Revolution hat Zukunft"

20. Februar 2009, 18:35
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Der britische Historiker Timothy Garton Ash ist einer der prominentesten Beobachter und Analytiker des Wendejahres 1989

 András Szigetvari sprach mit ihm über das, was von 1989 geblieben ist

STANDARD: Sie haben in den 1980er- Jahren für renommierte Zeitungen und Zeitschriften wie „Times" und „Independent" aus Ost- und Mitteleuropa berichtet. Welche Rolle hatten Sie im Revolutionsjahr 1989?

Garton Ash: Man findet bei Raymond Aron (franz. Philosoph und Soziologe) den Begriff des „spectateur engagé", des engagierten Beobachters. So würde ich am liebsten meine Rolle beschreiben: Ich war engagiert, ich habe kein Hehl daraus gemacht, dass meine Sympathie den Oppositionellen und Dissidenten galt. Aber ich fand es immer sehr wichtig, eine Grenze zu ziehen: Ich schrieb, ich analysierte, wurde aber nie selbst zum Politiker, sondern eher Interpret der mittel- und osteuropäischen Bewegungen.

STANDARD: Haben Ihre Berichte etwas verändert?

Garton Ash: Der Blick war damals in Westeuropa vor allem auf die Sowjetunion und dort vor allem auf die Oberen wie Staatschef Michail Gorbatschow gerichtet. Zu sagen, dass es auch in Osteuropa gewöhnliche Menschen gibt und diese ihre Geschichte machen, war Mitte der 1980er für viele in Mitteleuropa nicht so selbstverständlich. Ich habe damals zu Recht argumentiert, dass die Oppositionsbewegungen nicht nur eine moralische, sondern auch eine politische Bedeutung haben.

STANDARD: Woher kam Ihr Interesse für die Region?

Garton Ash: Thomas Mann war an allem schuld. Ich bin durch die deutsche Literatur, besonders durch die Werke von Thomas Mann auf die mitteleuropäische Geschichte aufmerksam geworden. Die Geschichte Mitteleuropas im 20. Jahrhundert vereint am selben Ort und fast zur gleichen Zeit das Allerbeste und das Allerschlimmste. Das hat mich wirklich fasziniert. Und ich hatte das Glück, nach Mitteleuropa zu kommen, als die Region im Zentrum der Weltgeschichte war. Damals war der Weltgeist tatsächlich irgendwo zwischen Wien und Prag, zwischen Warschau und Berlin zu finden.

STANDARD: Wo ist er heute?

Garton Ash: Spontan würde ich sagen, in Peking oder in Delhi. Wobei der Weltgeist natürlich schwer zu finden ist.

STANDARD: Das Jahr 1989 dreht sich um Freiheit. Hat sich die Bedeutung des Begriffes in den 20 Jahren verändert?

Garton Ash: Freiheit ist der zentrale politische Begriff schlechthin. Ich war schon damals ein unverbesserlicher Liberaler und bleibe es noch heute. Aber natürlich steht die Freiheit nicht allein, sie muss mit Werten wie Solidarität und materieller Sicherheit verbunden werden. Was sich nun immer ändert, ist der Kontext: Beispielsweise ist es heutzutage, inmitten der Finanzkrise, die große Herausforderung, ein Minimum an materieller Sicherheit zu erhalten, um die Freiheit überhaupt genießen zu können.

STANDARD: Aber gerade derzeit sieht es so aus, als könnte auch im Westen für immer mehr Menschen ein Mindestmaß an Wohlstand nicht mehr garantiert werden.

Garton Ash: Man spricht immer von Wachstum und Bruttosozialprodukt. Die viel wichtigere Frage ist, wie wir Arbeitsplätze gerade für unsere jungen Leute schaffen.

TANDARD: Gilt Ihr Satz, dass es keine Alternative zum Liberalismus gibt, auch derzeit noch?

Garton Ash: Wenn es noch eine mögliche ideologische Alternative auf der Weltbühne gibt, ist es der autoritäre Kapitalismus chinesischer Prägung. Es ist übrigens eine Ironie, dass die letzte verbliebene Konkurrenz 20 Jahre nach Ende des Kommunismus von einem zumindest formal kommunistisch geführten Land ausgeht. Die Alternativen wie einst Faschismus und Kommunismus gibt es nicht mehr. Die Frage, die uns beschäftigen sollte, ist, welche Variante des Kapitalismus sich letztlich durchsetzen wird.

STANDARD: Was können wir von 1989 lernen?

Garton Ash: Erstens, dass es Augenblicke gibt, wo ganz normale Menschen Geschichte machen können. Zweitens: Wir Europäer haben 1989 das alte, gewalttätige Revolutionsmodell, also jenes aus 1789, abgelöst. Wir haben ein neues Modell der friedlichen Revolution gefunden, und dieses Modell lebt fort und hat Zukunft. Das ist für mich die große Botschaft von 1989, und nicht irgendeine Ideologie. (DER STANDARD, Printausgabe, 21.2.2009)

 

 

 

Zur Person: Der Historiker und Schriftsteller Timothy Garton Ash, 1955 in London geboren, unterrichtet an der Universität Oxford. Er gilt als einer der profiliertesten Kenner der Geschichte Osteuropas. „Ein Jahrhundert wird abgewählt" heißt sein zentrales Buch zu 1989. Zuletzt erschienen: „Freie Welt".

  • Timothy Garton Ash: „Wenn es noch eine ideologische Alternative gibt, ist es der autoritäre Kapitalismus chinesischer Prägung."  
    foto: standard

    Timothy Garton Ash: „Wenn es noch eine ideologische Alternative gibt, ist es der autoritäre Kapitalismus chinesischer Prägung."  

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