Die Lücke, die das Leben lässt

20. Februar 2009, 17:41
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Daniel Kehlmanns "Ruhm. Ein Roman in neun Geschichten"

Ein nicht unwesentlicher Teil unseres Kontakts mit anderen Menschen verläuft heute über technische Hilfsmittel: Wir telefonieren, schicken SMS oder E-Mails. Wir - oder jemand anderer, der sich unserer Zugänge zur öffentlichen Kommunikation bedient. Um die rätselhaften Lücken, die die technische Zwischenwelt aufreißt in dem Konstrukt, das sich Leben nennt, kreist Daniel Kehlmanns jüngster Roman in neun Geschichten, "Ruhm". Als Schein erweist sich dort nicht nur der Ruhm, der Menschen für die Öffentlichkeit durch ein grob vereinfachtes Bild ihrer selbst ersetzt: Schein wird ziemlich alles, was Identität zu sein behauptet.

Wie für den Schauspieler Ralph Tanner, der immer mehr zum Zuschauer seines eigenen (?) Lebens gerät, sich durch ein Double ersetzt sieht, das die Welt als Original annimmt, der sich selbst in Vorstadt-Bars als Ralph-Tanner-Imitator versucht - und letztendlich seines Weges geht. Wessen Weg? Eine unbeantwortete Frage.

Ralph Tanner begegnet der Leser, bevor er selbst ins Zentrum einer Geschichte tritt, eher nebenbei in mancher anderen davor. Figuren wechseln in "Ruhm" die Ebenen, verhandeln mit ihrem Autor über die Fortsetzung ihrer Existenz, sind selbst Autoren oder wünschen sich sehnlichst, Figuren zu sein, ohne zu bemerken, dass sie nur als solche existieren. Ein großer vertrackter Bluff. Dem nun die Stimmen von Nina Hoss und Ulrich Matthes eine weitere Ebene technischer Verfremdung hinzufügen. (Cornelia Niedermeier, ALBUM - DER STANDARD/Printausgabe, 21./22.09.2008)

Daniel Kehlmann, "Ruhm. Ein Roman in neun Geschichten" . Ungekürzt gelesen von Nina Hoss und Ulrich Matthes. 4 CDs (315 Min.) / € 24,50. Deutsche Grammophon Literatur, Berlin 2009

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