Tolldreiste Endspiele der Arbeit

20. Februar 2009, 16:56
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Volker Braun setzt die List der Literatur den Lasten zerstörerischer Ökonomie und ruinierter Moral entgegen

Flick von Lauchhammer heißt ein Werktätiger alten Schlages, jederzeit bereit, am Einsatzort zu erscheinen, zu fragen, was liegt an, um sogleich den technischen Defekt am "Großgerät" zu beseitigen, die Dysfunktion in der industrialisierten Naturausbeutung, wie sie in der Niederlausitz, vormals DDR, betrieben worden war. Nun aber ist nicht nur ein Teil des Systems defekt, sondern das System selbst, und das in zweifacher Hinsicht: Der Staat, der sich ideologisch und materiell auf diese Art Arbeit stützte, ist demontiert, und das Lebensgefüge in der Gegend, die es hinter sich hat und verlassen wurde von den Mannschaften und Maschinen, und nur Halden, Wüstungen, wiederbewachsene Böden sieht man, das Endbild großer Zeiten, wird in einer Art zynischen Wohlmeinens herunterverwaltet.

Der Flick, noch keine 60 und, obwohl Arbeit sein oberstes Lebensbedürfnis ist, ebendiese losgeworden, meint, mit Tatkraft und Einsatzwillen sei jeder Problemsituation beizukommen. Unbeirrt von den defensiven Taktiken amtlicher Arbeitsvermittlung sucht er Betätigung - ein Mann von gestandener Lebenserfahrung und zugleich ein struktureller Tor, ein Held, wie geschaffen fürs Volksstück, das derzeit allenthalben auf kapitalistisch gezimmerten Wirtschaftsbühnen gegeben wird.

In vier Büchern zu jeweils zwölf Kapiteln, denen in der Tradition des Schelmenromans pointiert bis sarkastisch formulierte Vorreden oder Inhaltsangaben vorangestellt sind, gesellt der Autor einem, der sein von Arbeitsmoral bestimmtes Wissen für unanfechtbar hält, in Gestalt eines 16-jährigen Enkels namens Ludwig oder Luten einen kontrapunktischen Begleiter zu, der das hohe Lied der Arbeit noch nicht vernommen und einen Lehrplatz nicht einmal von Ferne ausgemacht hat. Denn der ist schon, wie man heute so elegant zu sagen weiß, im Prekariat sozialisiert.

Der Vater führt mit der Freundin ein gleichsam insulares Aussteigerdasein, dem aber die Kontrollorgane des Sozialstaates bedrohlich naherücken, die Mutter steht unter Sachwalterschaft und ist nicht ganz bei Trost.

Braun lässt das ungleiche Paar Modellsituationen der aktuellen Misere bereisen, die aus Anschauung und medialer Kolportage gewonnen sind und die im Zusammenprall von staatlicher Systemstrategie, von ökonomischen Kalkülen und den Lebensnotwendigkeiten und Bedürfnissen der einzelnen Menschen gesellschaftlichen Zündstoff aufbereiten. Der obrigkeitlichen Verfügungsgewalt von Bestimmung und Beschränkung begegnen Schlauheit und Renitenz des verwalteten Volkes, worin ein meist glosender, bald aufflammender Lebenskampf zum Vorschein kommt. So etwa, wenn Flick an verschiedenen Einsatzorten von amtsvermittelten Ein-Euro-Arbeiten sich in seinem Übereifer derart hervortut, dass er zur Belohnung mehrfach Prügel bezieht, einmal ins Krankenhaus, einmal sogar ins Gefängnis muss.

Sobald Motive aus den Volkssagen der Lausitz in die Gegenwartserzählung eingeschleust werden, nimmt Flick mehr und mehr den Charakter eines mythologischen Kulturhelden an, der sogar den Tod mit seinem Arbeitseifer verscheucht. Die Abenteuer geraten zur Allegorie einer zunehmend gnadenlosen Zeit, die politische Weigerung, an Arbeitslose Elterngeld auszuzahlen, führt hier zur grotesken Kreation einer zwangsläufigen Neujahrsgeburt.

Anderen Kapiteln kommt wieder paradigmatische Bedeutung zu: Die Verstrickung mit den großen Chefs und Arbeitgebern kommt doppelt ins Spiel, aus der Namensanalogie Flick tauchen eine alte Waffenschmiede, das Lager mit der Aufschrift "Arbeit macht frei" und Prozessprotokolle aus Nürnberg auf, und unser proletarischer Flick macht sich in seinem berserkerhaften Arbeitsdrang als Büttel eines neuen Konzerns, der ein, sich der neukapitalistischen Enteignung widersetzendes, altes Paar mit Bulldozern einfach "versehentlich" zur Seite räumt, gemein.

Die Arbeitssuche ist im Sinne des Freiheitsbegriffes der EU durchaus grenzüberschreitend angelegt, wobei der rege Großvater nolens volens auch als Initiationsmeister des Sexual- und Liebeslebens seines Enkels figuriert.

Andere Abenteuer wieder sind als offene Hommagen an Cervantes‘ "Don Quijote" oder an Michael Glawoggers Film "Workingman's Death" erdichtet und markieren so die Positionierung und Referenzebenen von Brauns turbulentem, immer wieder in grimmigen Humor kippendem Machwerk.

Der Autor figuriert darin einmal als Chronist, der den Anschein erweckt, er zitiere lediglich aus dem Schichtbuch des Flick, dann als anteilnehmender Erzähler, ein drittes Mal als furioser Sprach- und Textspieler. Und doch sind es Brauns großartiges Sprachgefühl und sein stupender Wortschatz, der zugleich Redensarten und Jargons entlarvt und versinkende Begriffe und Ausdrucksformen reaktiviert, die letztlich die analytische Kraft dieses so unterhaltsamen wie aufklärenden Buches schaffen, das seine Machart mit spielerischer Freude offenlegt. Es legt die Erosion sozialen Zusammenhaltes schonungslos offen und sitzt, reich an unbequemen Wahrheiten unserer mitteleuropäischen Lebensverfassung, wie ein Stachel im Fleisch satten bürgerlichen Bewusstseins. (Kurt Neumann, ALBUM - DER STANDARD/Printausgabe, 21./22.09.2008

 

Volker Braun, "Machwerk oder Das Schichtbuch des Flick von Lauchhammer" . € 20,40 / 221 Seiten. Suhrkamp, Frankfurt 2008

Hinweis:
Volker Braun liest am 26. 2. um 19 Uhr in der Alten Schmiede (Schönlaterngasse 9, 1010 Wien) aus dem besprochenen Band.

  • Aufflammender Lebenskampf in einer zunehmend gnadenlosen Zeit: Volker Braun.
    foto: peter peitsch

    Aufflammender Lebenskampf in einer zunehmend gnadenlosen Zeit: Volker Braun.

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