Willkommen in der freien Welt

20. Februar 2009, 16:46
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Der Vorort von damals ist heruntergekommen, die Weißen haben ihn längst verlassen

Dieselben Häuser mit denselben, jetzt rostigen Dosenöffnern, wellige Teppichböden und heruntergelassene Rollos.

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1969 raubte es mir oft den Atem, der Blick von Staten Island im 14. Stock auf die Skyline von Manhattan, die Freiheitsstatue und die Verrazano Narrows Bridge. Wie ich über ein Jahr den Twin Towers beim Wachsen zusehen konnte. Die Gastfreundschaft, wenn ich von Studienkolleginnen und Freunden mit nach Hause genommen wurde. Jedes Haus ein kleines Wunder, überall Fernseher, an den Küchenwänden elektrische Dosenöffner, Klopapier vom Feinsten, volle Kühlschränke und zwei, drei Autos vor jedem Haus. Einfach so fuhr man abends eine halbe Stunde irgendwohin, um Doughnuts zu essen. Einen Sommer in einer "gemischtrassigen" Wohngegend zu Gast, überall offene Türen, ein Leben im Freien, "the Austrian" immer willkommen.

Mädchen in meinem Studentenheim, die nicht krank waren, sondern nur die Pille nahmen. Seltsamkeiten: als ich im Auto eine Bierdose öffne und es einen Aufschrei gibt, aber für die Footballspieler Sex vor dem Spiel als "special service" , weil sie dann besser spielen. Mein Unverständnis, dass Mädchen wochenlang trainieren, um in Spielpausen mit Pompons herumzutanzen, mein Unbegreifen, dass gewisse Studenten nur fürs Spielen da sind und nicht zum Studieren. Die Mädchen, die sich aufhoben für "ihn" gab es damals schon. Das waren dieselben, die nichts von Joints hielten und mich samstags mitnahmen als "Social Worker" in die Bronx. Ich brachte Kinder in einem kirchlichen Zentrum Nähen bei und die anderen übten mit ihnen Lesen und Schreiben und sich etwas Einfaches zu kochen. Joe Cocker spielte in Upstate New York, und der Marihuana-Geruch in und vor der Scheune war überwältigend. Die Sängerin im Musical "Hair" am Broadway sang hochschwanger auf der Bühne, dass ich dachte, sie müsste augenblicklich niederkommen, und "Hairy Guys" waren damals bei mir und den Mädels noch in, die mir dringend nahelegten keine Kniestrümpfe zu tragen und vor allem meine Körperhaare zu rasieren.

Zu Hause war ich 1968 fast ein Jahr jeden Morgen aufgewacht zu Scott McKenzie "If you are going to San Francisco, be sure to wear some flowers in your hair", ohne je daran zu denken, dorthin zu kommen, und jetzt lag über allem die Luft der absoluten Freiheit, so leben und lieben zu können, wie man wollte. Am Campus wurde das Büro des Deans besetzt und wir schrieben ungestraft auf sein Briefpapier, es gab Anti-Vietnam-Demonstrationen, weiße Kreuze für die gefallenen Mitstudenten, und dann gab es die, die plötzlich mitten im Semester nach Kanada verschwanden, um der Draft Lottery zu entrinnen, denn damals waren auch noch Weiße beim Militär. Mitstudenten, die nicht wussten, wo der Nahe Osten ist und wo Vietnam liegt. Feindbild der Studenten die Regierungen Ford und Nixon! Bei meiner Einreise hatte ich unterschreiben müssen, nie einer kommunistischen Organisation angehört zu haben und keine solche in den USA gründen zu wollen.

1969 eine österreichische Matura, die mir einen Bildungsvorsprung verschafft hatte, dass mich mein Politologie-Professor mit nach Berkeley nehmen wollte, das Fach Soziologie eine Selbstverständlichkeit, sowie die Gay and Lesbian Rights Demo vor dem Kaufhaus in San Francisco, zu der ich mich gern einladen ließ, auf der Reise organisiert für internationale Studenten, untergebracht immer bei Mitgliedern einer Kirche. Überall, wo wir hinkamen, ein Buffet im Gebetsraum, Kinder die herumrannten und sich gar nicht fromm benahmen. Dann, unsere Nationalitäten waren vorher bekannt, der Wettbewerb, wer darf die Österreicherinnen mitnehmen, die Französin auch noch gerne gewählt, selbst die zwei Ägypter gerne gesehen, nur der arme Deutsche, lange nach dem Krieg geboren, wartete immer bis ganz zum Schluss. Political Correctness war damals noch nicht erfunden, musste aber schon sein. Die Familien, zu denen wir kamen, in Mobile Homes oder Haus mit Pool, alles war drin, jodeln hätte ich können sollen und die Nationalhymne "Edelweiss" hätten sie gerne gehört, stattdessen buk ich Linzer Torte und sang, "In Mutters Stübile".

Der Abschied von Amerika, damals 1970. Österreich klein, überschaubar, das Land in dem jede/r was bewegen kann, der fast direkte Zugang zur Demokratie. Dann mein erstes Zurück während des ersten Irakkrieges, die Flüge spottbillig, der Flieger halbleer, die Ostküste in Aufruhr und Angst vor dem Direktangriff, Rote Zonen für sogenannte wichtige strategische Ziele (New York ausgenommen). Der "gemischtrassige" Vorort von damals heruntergekommen, die meisten Weißen haben ihn längst verlassen. Dieselben Häuser mit denselben, jetzt rostigen Dosenöffnern, wellige Teppichböden und heruntergelassene Rollos, alle sitzen im Dämmerlicht und nichts ist übrig von "let the sun shine in". Ich begleite meine 83-jährige Gastgeberin von damals, die noch arbeiten muss, am Arbeitsamt von Plainfield, New Jersey. Das Gebäude ist eine Bruchbude, die Arbeitsbedingungen ein Wahnsinn. Arbeiten muss sie, von ihrer Pension kann sie nicht leben.

Meine Freundin in Washington D. C. fühlt sich eigentlich absolut sicher und bekommt dennoch die Krise, weil ihr Tank halbleer ist und es schon dämmert. Ich bekomme eine kostenlose Führung, wer wann wo nach Einbruch der Dämmerung an der Tankstelle oder beim Einkaufen erschossen wurde. Bei meinem nächsten Besuch, der zweite Irakkrieg hat gerade begonnen, ist ihr bereits bekannt, dass die Sterblichkeitsrate in Washington D. C. höher ist als sonst wo in Amerika, der Überlebensstress ist so groß, und ich erfahre von Müttern, die ihre Kinder trotz des Snipers aufrecht in die Schule gehen, und von jenen, die die Kinder zwischen Auto und Schule kriechen ließen. Am Wochenende über die Brücke aus dem magischen Ring des Snipers entkommen und kurz aufatmen. Nein, grundsätzlich fühlt sie sich sicher, aber sie überlegt, ob jene recht haben, die sagen, man soll seine Einkaufstaschen einzeln zwischen Parkplatz und Haus tragen, um mit der freien Hand schneller aufsperren zu können, oder besser alles auf einmal, damit man nur einmal den gefährlichen Weg zurücklegen muss. Die Freunde sitzen immer noch im Halbdunkel, und diesmal finde ich heraus, warum ... es wurden schon viele durchs erleuchtete Fenster erschossen. Michael Moore, den hier noch keiner zu kennen scheint, hat recht; die Amerikaner werden allein durch die Nachrichten in Angst gehalten.

"Das ist aber Propaganda"

Von New York nach Washington brauche ich beim Lösen des Zugtickets einen Pass, und alles, was man beflaggen kann, ist mit einer amerikanischen Flagge beflaggt. Keiner getraut sich, nicht patriotische Gesinnung zu zeigen. New York ist bereits absolut Evian-frei, stattdessen gibt es an allen Ständen Polska Mineralwasser von den "treuen Verbündeten". RaucherInnen in Businesskleidung stehen in Manhattan verschämt vor den Eingängen zu den Hochhäusern. Unterwegs im Silberpfeil erfriere ich fast, der Schaffner meint, wenn der Waggon nicht so kühl gehalten werde, stinke er. Vor meiner Ankunft in Washington die Lautsprecher Durchsage: "Wir erreichen in Kürze Washington D. C., wenn Sie von zu Hause weg waren, dann willkommen daheim, wenn sie von auswärts kommen, dann willkommen in der Hauptstadt der freien Welt." Ich bin gerade dabei, meinen Koffer herunterzunehmen, und sage ins Leere: "Das ist aber Propaganda", und augenblicklich stehe ich Aug in Aug mit einem gesetzten Anzugträger, der mich, gesetzte Europäerin, ansieht und sagt: "Es ist nur allzu wahr, meine gute Frau!"

Ansonsten trägt die reife Frau in Washington vereinzelt wieder behaarte Beine, weil es viele Männer wieder sexy finden. Witze erzählen geht gar nicht mehr, weil man nicht weiß, ob man sich politisch korrekt verhält, und auf einer Tour durch die Altersheime der Stadt erfahre ich von meiner Freundin, der Ombudsfrau für Altenpflegeheime, sie seien dabei, ein Gesetz durchzubringen, das den Angehörigen erlaubt, Videokameras in den Pflegezimmern zu installieren, weil es so viele unerklärliche Misshandlungen gibt. Altersheime, die von Hotelketten geführt werden, sind der letzte Renner, auch wenn das Know-how für Pflege fehlt. Wenn das Geld aufgebraucht ist, geht's ab ins staatliche Heim, das jede/r mit Recht fürchtet wie die Pest.

Ich bin diesmal mit gemischten Gefühlen in ein Amerika gereist, das nicht mehr meines zu sein scheint. Gleich am ersten Tag bin ich als Begleiterin eines Freundes in Connecticut zu einem Jewish Passover (ein jüdisches Osterfest) eingeladen. Der Gastgeber, Chef einer Therapeutenvereinigung, residiert über eine jüdische Tafel, die zwei Räume seines Hauses durchläuft, und erklärt den Ablauf des Festes für seine Gäste. Dann sagt er etwas leiser: "Meine Frau und ich wollen heute auch ein politisches Statement machen, und wir servieren nur französischen Wein." Niemand klatscht! Beim Gehen danke ich dem Gastgeber und sage, dass ich sein politisches Statement mochte, er blickt sich vorsichtig um und meint, er hoffe wirklich, er habe nicht zu viel gesagt und sich zu weit hinausgelehnt.

Gleich nach der Wahl von Obama mein Anruf in Connecticut, ich will wissen, wie es sich anfühlt? Antwort, Telefon auf Zimmerlautsprecher: " Echt großartig Baby, und dasselbe denkt Beth, die gerade vor mir auf der Massagebank liegt!" (Maria Kandolf-Kühne, ALBUM - DER STANDARD/Printausgabe, 21./22.09.2008

 

Zur Person:
Maria Kandolf-Kühne war 1969/1970 Stipendiatin am Wagner College, Staten Island, New York, studierte Anglistik und Geschichte an der Universität Innsbruck, unterrichtet am Ausbildungszentrum für Tourismus, Villa Blanka in Innsbruck, und schreibt Kurzgeschichten.Foto: privat

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    "Ein Amerika, das nicht mehr meines zu sein scheint ... keiner traut sich, nicht patriotische Gesinnung zu zeigen."

     

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