Überleben - mit gebundener Sprache

20. Februar 2009, 16:35
posten

Die Krankenschwester Ilse Weber half Häftlingen, ihr Schicksal in den Nazi-KZs zu ertragen

Eine Auswahl aus ihren Gedichten und Briefen.

***

Nach Auschwitz galt Lyrik vielen als verdächtig. Heute weiß man, wie lebenswichtig Gedichte für viele KZ-Häftlinge waren. Stundenlanges Appellstehen wurde etwas erträglicher, konnte man Halt an der gebundenen Sprache Schillers finden, berichtet etwa Ruth Klüger. Geradezu therapeutische Qualitäten besaßen die Gedichte und Lieder, die Ilse Weber in Theresienstadt für ihre kleinen und großen Zuhörer verfasste. Die 1903 in Witkowitz/Mährisch-Ostrau geborene Jüdin war vor 1933 eine gefragte Kinderbuch- und Hörspielautorin gewesen, sie hatte sich für Karl Kraus begeistert und mit Karel Capek korrespondiert. Nach ihrer Deportation nach Theresienstadt 1942 arbeitete sie als Kinderkrankenschwester. Auf ihrer ins Lager geschmuggelten Gitarre musizierte die charismatische Frau heimlich halbe Nächte durch. Zeitzeugen wie Ruth Elias erzählten später, "es gab wohl selten unglücklichere Kinder als die gesunden, die die Krankenstube verlassen mussten." Unter den Überlebenden von Theresienstadt wurde Weber so zur legendären Figur.

Dass ihre anrührenden Gedichte so viel Lebensmut, Trost und Hoffnung spendeten, lag wohl nicht zuletzt daran, dass in ihnen das alltägliche Grauen keineswegs ausgeblendet wurde. Mit einfachsten ästhetischen Mitteln, einer schlichten Sprache und traditionellen Formen ermöglichte es Weber ihren kleinen Patienten, sich zumindest für kurze Zeit über den Horror zu erheben, ja, ihn zu verlachen.

"Rira, rirarutsch, / wir fahren in der Leichenkutsch" , beginnt etwa Ilse Webers "Theresienstädter Kinderreim" - im Lager mussten Kinder und Frauen die aus dem Umland requirierten Leichenwägen ziehen, auf denen nicht nur die Toten, sondern auch das Brot transportiert wurde. Und ein anderes Gedicht beginnt mit den Versen: "Schlaf mein kleiner Struwwelpeter, / fünfundsiebzig Zentimeter / Platz teil ich mit dir. / Über unserer Kaserne / stehen längst schon Mond und Sterne - / denn die gibt's noch hier."

Weber begleitete ihre kleinen Patienten, unter denen sich auch ihr jüngster Sohn Tommy befand, freiwillig auf ihrem "Osttransport", der am 6. Oktober 1944 in den Gaskammern von Auschwitz endete. Ihr Mann Willi Weber, der das Lager überlebte, rettete mehr als fünfzig der Gedichte Ilse Webers, indem er die Aufzeichnungen seiner Frau in einem Geräteschuppen vergrub. Weitere Werke erhielt er nach dem Krieg von Überlebenden zugesandt. Ulrike Migdal hat Webers Gedichte im Hanser-Verlag herausgegeben, zusammen mit ihren erhalten gebliebenen Briefen. Ihrer schwedischen Freundin Lilian von Löwenadler schilderte Weber die bedrückenden Veränderungen nach 1933, den Verlust ihrer Arbeitsmöglichkeiten, die naive Begeisterung ihrer Kinder an Kriegsspielen, den Antisemitismus im Alltag, die Angst vor dem Nazi-Regime. 1939 kann sie zumindest ihren ältesten Sohn Hanuš zu Lilian schicken, der dann bei Lilians Mutter in Schweden aufwächst.

Während sie dieser offen eingesteht, immer weniger daran zu glauben, Hanuš je wiederzusehen, versucht sie in ihren Briefen an ihren Sohn etwas Unmögliches: Der Achtjährige soll von der Barbarei verschont bleiben und doch begreifen, wie gut er es in Schweden hat, im Gegensatz zu seinem kleinen Bruder Tommy, der nur noch auf einem Friedhof spielen darf. Immer verzweifelter bittet sie Hanuš, ihr seine Erlebnissen zu berichten, schimpft und ermahnt ihn, doch ihr Sohn schreibt immer seltener, da er seine Muttersprache in Schweden rasch verlernt. "Denk nur," schreibt Weber später in Theresienstadt in ihrem Gedicht "Brief an mein Kind" , "wenn wir uns einmal wiedersehen, / dann werden wir einander nicht verstehen." (Oliver Pfohlmann, ALBUM - DER STANDARD/Printausgabe, 21./22.09.2008)

 

Ilse Weber, "Wann wohl das Leid ein Ende hat. Briefe und Gedichte aus Theresienstadt." Hg. von Ulrike Migdal, € 21, 80 / 352 Seiten. München, Hanser, 2008

Share if you care.