"Die Besten wählen andere Berufe"

24. Februar 2009, 16:18
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Von 2012 bis 2025 gehen 60.000 LehrerInnen in Pension - Für "Nachschub" ist nicht gesorgt - Unterrichtsministerium will mit höherem Einstiegsgehalt locken

"Ist Lehrer-Abwerbung auf U-Bahnhöfen unmoralisch?" Diese Frage stellt die Onlineausgabe des deutschen "Tagesspiegel" zur Debatte. Hintergrund: Deutschland gehen die Lehrer aus. Mit einer 370.000 teuren Werbekampagne will Baden-Württemberg Lehrer jetzt aus Süddeutschland anlocken. Nicht nur Baden-Württemberg ist vom Lehrermangel betroffen. Bundesweit fehlten zu Beginn des letzten Schuljahres 10.000 PädagogInnen. Die Hälfte der insgesamt 800.000 LehrerInnen in Deutschland sind 50 Jahre und älter, die größte Pensionierungswelle steht noch bevor.

LehrerInnen fehlen

Auch in Österreich wird sich der Lehrermangel noch massiv ausweiten. Während in den letzten Jahren davor gewarnt wurde, Lehrer zu werden, wird nun auch in Österreich nach pädagogischem Nachwuchs gesucht. Laut Unterrichtsministerium werden in den Jahren 2012 bis 2025 insgesamt 60.000 LehrerInnen pensioniert. Im Pflichtschulbereich werden laut Lehrergewerkschafter Walter Riegler in den nächsten zehn Jahren etwa 30.000 Lehrer in Pension gehen. Nur etwa 15.000 neue LehrerInnen werden bis dahin, gemäß Plan, an den Pädagogischen Hochschulen ausgebildet. Bereits zu Beginn diese Schuljahres fehlten in Wien laut Riegler etwa 350 LehrerInnen. Grund für den plötzlichen Mangel sei die unregelmäßige Anstellungspolitik, so der Lehrergewerkschafter. 40 bis 50 Prozent aller LehrerInnen in Österreich seien in den Jahrgängen 1949 bis 1955 geboren. Sie alle werden in den nächsten Jahren pensioniert. Es käme alle 30 Jahre zu einem Lehrermangel, so Riegler.

Auch auf "Nachschub" aus den Lehrer-Warteliste sei nur bedingt zu hoffen. Viele hätten sich im Laufe der Wartezeit ein anderes Betätigungsfeld gesucht. Riegler schätzt, dass etwa nur 20 Prozent der Lehrer aus den Wartelisten in den Schulen eingesetzt werden wollen.

Pädagoische Hochschulen fordern mehr Geld

Nachwuchs muss also her. Den Pädagogischen Hochschulen steht es frei, die Plätze nach eigenem Ermessen aufzustocken. "Derzeit werden an den PH 1.300 Pflichtschullehrer fertig. Wir bräuchten aber 2.500 bis 3.000", sagt Lehrergewerkschafter Riegler. "Wir hätten Kapazitäten, um pro Jahr doppelt so viele angehende LehrerInnen aufnehmen", sagt Dagmar Hackl, Rektorin der Pädagogischen Hochschule (PH) in Wien, im Gespräch mit derStandard.at. Das Ministerium müsse jedoch entsprechende finanzielle Ressourcen für zusätzliches Personal zu Verfügung stellen. Dass für die PH ausreichend Mittel zur Verfügung gestellt werden, darf bezweifelt werden, zudem auch die Universitäten finanziell ausgehungert sind und mehr Budget vom Wissenschaftsministerium fordern.

Master-Abschluss gefordert

Mehr Geld, eine verbesserte Ausbildung und mehr Ansehen für LehrerInnen seien die Voraussetzungen, um hoch qualifizierte junge Menschen für den Lehrerberuf zu interessieren, sagt Riegler. "Die Unterrichtsministerin sagt immer, sie will die Besten für den Lehrerberuf. Aber wenn die Bezahlung und das Image schlecht sind, werden sich die Besten für andere Berufe entscheiden". Zukünftige PflichtschullehrerInnen werden an den Pädagogischen Hochschulen sechs Semester im Rahmen eines Bachelor-Studiums ausgebildet. "Daraus muss ein vollwertiges Studium mit Master-Abschluss gemacht werden".

Erst vor wenigen Wochen hat das Unterrichtsministerium eine Arbeitsgruppe eingerichtet, in der über eine Verbesserung und Angleichung der PädagogInnen-Ausbildung nachgedacht wird. Unter anderem will man die Ausbildung breiter gestalten, so dass  LehrerInnnen auch leichter in andere Berufe wechseln können. Mit der Reform des Dienstrechts soll der Lehrerberuf attraktiver gemacht werden, heißt es aus dem Unterrichtsministerium. Die Einstiegsgehälter sollen steigen, dafür soll der Verdienst im Laufe des weiteren Berufslebens weniger stark ansteigen.

Überangebot an Lehrkräften

Alleine aufgrund des akuten Lehrermangels würde Hans-Paul Nosko, Pressesprecher des AMS, jungen Leuten nicht dazu raten, Lehrer zu werden. Der Lehrerberuf sei schließlich ein Beruf, zu dem man sich berufen fühlen soll. "Die Vergangenheit hat gezeigt, dass ein allzu vehement propagierter Lehrermangel nach der Vorlaufzeit von mehreren Jahren Studiendauer zu einem Überangebot an Lehrkräften führen kann," so Nosko zu derStandard.at. (burg/derStandard.at, 24. Feber 2009)

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    Die Rahmenbedingungen für LehrerInnen müssen sich verbessern, um die Besten zu bekommen, sagt Gewerkschafter Walter Riegler.

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