"Gig Economy" als Folge der Rezession

20. Februar 2009, 17:17
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"Gig Economy" ist das jüngste von der Rezession geschaffene Modewort in den USA - Es beschreibt, wie sich einstige Vollzeitbeschäftigte mit Gelegenheitsjobs über Wasser halten - "Gig" bezeichnet alles, was Geld bringt

Wer in den Jahren der Vollbeschäftigung als Beruf "freelancer" und "consultant" angab, der hätte in den USA fast auch gleich "arbeitslos" sagen können. Doch seit das Land in der schwersten Wirtschafts- und Finanzkrise seit der Great Depression steckt, finden Freelancer und Berater plötzlich eine enorme Aufwertung. Nicht zuletzt, weil es so viele sind.

"Gigs" statt Arbeit

Ein Drittel der arbeitsfähigen Bevölkerung, so schätzt Sarah Horowitz von der Gewerkschaft der Freelancer, ernährt sich inzwischen von "gigs" statt von fester Arbeit, habe ein paar Jobs, sei zu "hustlern" - "Strichern" im übertragenen Sinn - geworden. Sei es, dass eine Yoga-Lehrerin zusätzlich auf Ernährungsberaterin und Model macht. Dass ein Webdesigner Photoshop-Kurse leitet und am Wochenende als Touristenführer im Einsatz ist. Oder dass die Frau an der Kasse in dunklen Kammern mit der Peitsche in der Hand ihr Einkommen aufbessert. Auch das gibt es.
Letztere sind die "pro-dommes", "dominatrices", Dominas eben, deren regulärer Job die Miete und deren "kinky" Nebenbeschäftigung mit Fesseln alles andere bezahlt. Will man Autorin Tracy Quan glauben, die sich in ihren Büchern mit der halbseidenen Welt der Callgirls und Prostituierten beschäftigt, dann haben die "kinkonomics" Hochkonjunktur.

Nicht zum ersten Mal. Schon vor sieben Jahren, als der Dotcom-Blase die Luft ausging, sollen sich unausgelastete Hightech-Beschäftigte mit einem gewissen Hang zu S&M auf dieses Terrain gewagt haben. "'Freelance kink work' ist heutzutage eine praktikable Option für Frauen", meint Quan allen Ernstes. Sei es doch noch immer besser fürs männliche Ego, seinen Fuß-Fetisch mit einer Domina in Stilettos zu befriedigen, als Frau oder Freundin damit zu irritieren.

Was die neuen Vertreter der "gigonomics" von früheren Freelancern unterscheidet, ist Klassenzugehörigkeit, weiß Expertin Horowitz. Diese neuen Alternativ-Jobber gehören nicht zur Schicht der Künstler oder Musiker, die hier und da einen "gig" an Land ziehen. Es sind Akademiker, sie gehören der bürgerlichen Mittelschicht an und hätten sich bis vor kurzem kaum vorgestellt, mit zwei oder drei Jobs gleichzeitig zu jonglieren. Die Wirtschaftskrise wird diesen Trend noch verstärken. Allein seit Anfang des Jahres haben sich mehr als 600.000 Menschen arbeitslos gemeldet. Am schwersten betroffen sind die Bauwirtschaft, das güterproduzierende Gewerbe und der Einzelhandel.

"Pink Slip Party"

Ein neues Phänomen: "pink slip parties" an der Wall Street, so benannt nach den Entlassungsbriefen ("pink slip"). Hier werden nicht nur Martinis gekippt sondern auch Beziehungen für berufliche Neuanfänge geknüpft. Wurden frühere Rezessionen vor allem von der Arbeiterschicht geschultert, so sind es nun die Vertreter der Mittel- und Oberschicht, die zu "hustlern" werden, schreibt Tina Brown, Chefredakteurin von The Daily Beast.  (Rita Neubauer aus Palo Alto, DER STANDARD, Printausgabe, 21./22.2.2009)

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    Die neuen Alternativ-Jobber machen die schillerndsten Jobs

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