"Und plötzlich ist da viel Energie"

22. Februar 2009, 18:41
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Traditionellerweise beginnt nach dem Fasching die Fastenzeit - Regenerieren nach F.X. Mayr?

 

Karin Pollack sprach mit dem F.X.-Mayr-Arzt Henning Sartor über zu viele Kohlenhydrate, Darmsanierung und Auszeit.

STANDARD: In der westlichen Überflussgesellschaft fasten heute die, die sich zu dick fühlen. Ist die F.-X.- Mayr-Kur da eine Option?

Sartor: Eine Fastenkur nach F. X. Mayr ist keine Diät im herkömmlichen Sinn. Es geht primär nicht um Gewichtsreduktion, sondern um eine Gesundung des Körpers durch Entgiften. Im Zuge einer Kur ist Essverhalten immer wieder ein Thema. Idealerweise findet eine Bewusstseinsänderung im Ernährungsverhalten statt.

STANDARD: Was heißt entgiften?

Sartor: Wir essen zu schnell und zu viele Kohlenhydrate, entzündungsfördernde Fette und Geschmacksverstärker. Die Dünndarmzellen werden überlastet und geschädigt. Daraus entsteht das Leaky-Gut-Syndrom und eine Entzündung des Darmes sowie Gärung und Fäulnis. Für uns Mayr-Ärzte geht es darum, den Darm zu kurieren. Er ist das Zentrum des Körpers. Das ist auch der Urgedanke von F. X. Mayr.

STANDARD: Aber das, was man bei der Mayr-Kur isst, ist doch auch wieder Brot, also Kohlenhydrate?

Sartor: Es kommt auf die Dosis an, und die ist so gering, dass die Kohlenhydrate weder Insulinerhöhung noch Entzündungen verursachen. Früher hat man Semmeln und Milch gegessen, heute sind es Dinkel- oder Buchweizenweckerln, und statt Kuhmilch verwenden wir Ziegen- und Schafmilchprodukte - oder bei Laktose-Intoleranz auch Soja- oder Reismilch. Am Grundprinzip des langen Kauens hat sich aber nichts verändert. Dadurch werden die Speicheldrüsen zur vermehrten Bildung von Enzymen angeregt, das Essen wird im Mund schon vorverdaut.

STANDARD: Wie verläuft eine F.-X. Mayr-Kur?

Sartor: Optimalerweise nimmt man sich drei Wochen Zeit und macht die Kur unter ärztlicher Anleitung. Ruhe und Wärme spielen beim Fasten eine sehr große Rolle. Die erste Phase einer Mayr-Kur dauert drei Tage. Der Stoffwechsel schaltet von anabol (Anm.: aufbauend) auf katabol (Anm.: abbauend) um, das heißt, der Körper holt sich die Energie aus den Fettzellen. Das und die Darmreinigung führen zu einer Entgiftung. Da können Kopfweh, Übelkeit und Schwächezustände auftreten. Auf der Zunge bildet sich ein brauner Belag. Am dritten Tag kommen diese "Fastenkrisen" besonders gehäuft vor.

STANDARD: Ab Tag drei wird's leichter?

Sartor: Ja, weil der Entgiftungsprozess stetig schwächer und der Darm freier wird und sich dadurch neue Energie in den Zellen aufbauen kann. Das spürt man auch sehr deutlich. Ein zweiter leichter Entgiftungsschub findet am zehnten, elften Tag statt. Dabei spielen auch Ammoniakverbindungen eine Rolle. Ab dann geht es kontinuierlich bergauf. Die Haut wird schön, weil die Schlacken abgebaut sind, Cellulite verbessert sich, und plötzlich ist da viel Energie, obwohl dem Körper ja eigentlich keine Energie zugeführt wird. Für viele ist genau das ein Schlüsselerlebnis.

STANDARD: Sie sprechen von Schlacken, die Schulmedizin hat so ihre Probleme mit diesem Terminus...

Sartor: Schlacken sind Substanzen, die aus einem gestörten Darmstoffwechsel entstehen. Drei Wochen vor jeder Kur stehen idealerweise Analysen der Darmflora sowie Entzündungswerte aus Blut und Stuhl. Die geben dem Mayr-Arzt Hinweise auf den Zustand des Darms und der Körperzellen. Wir wissen, dass die Darmwandzellen, die Enterozyten, von den Stoffwechselprodukten der Bakterien, die im Darm sind, abhängen. Sie beziehen etwa 70 Prozent ihrer Energie aus der Darmflora. Wer sich schlecht ernährt, schwächt diese Enterozyten und lässt sie nicht mehr genügend Energie aufnehmen. Nicht verdaute und aufgenommene Nahrungsmittel gären, erzeugen Alkohole, Säuren und Ammoniakverbindungen, die sich im Gewebe, genauer gesagt in der Zwischenzellmatrix im Bindegewebe ablagern. Daraus ergeben sich eine Übersäuerung des Körpers und chronische Entzündungen. Manchmal ist es sogar so, dass Menschen erhöhte Leberwerte haben, obwohl sie keinen Alkohol trinken. Durch eine Mayr-Kur regeneriert sich das ganze System.

STANDARD: Und wie lange hält diese Wirkung dann an?

Sartor: Das ist unterschiedlich und hängt ganz davon ab, wie sich der Einzelne nach der Fastenkur verhält. Wir analysieren während der Kur immer die individuellen Essensmuster der Menschen, schulen Patienten, schärfen ihre Wahrnehmung, insofern ist eine Mayr-Kur auch eine Schule zur gesünderen Ernährung. Wer sich gesund ernährt, kann diesen Effekt lange aufrechterhalten.

STANDARD: Und wie oft sollte man eine Mayr-Kur machen?

Sartor: Auch dafür gibt es kein Patentrezept. Grundsätzlich ist es aber so, dass in allen großen Kulturen einmal im Jahr gefastet wird. Ein gewisses Maß an Gift hält der Körper ja auch aus. Aber wer regelmäßig eine F.-X.-Mayr-Kur macht, hat auch immunologisch positive Effekte. Wir sehen immer wieder, dass Allergien und Asthma besser werden oder sogar verschwinden.

STANDARD: Wie ist das mit dem Jo-Jo-Effekt, also dem immer schnelleren Zunehmen nach jedem Fasten?

Sartor: Eine Mayr-Kur ist keine Diät. Ein wichtiger Faktor beim Wiederzunehmen sind die durch Insulin gesteuerten Heißhungerattacken. Durch das in der Mayr-Kur trainierte langsame Essen ist der Insulinspiegel aber gleichmäßig niedrig, und idealerweise kommt es zu einer nachhaltigen Ernährungsumstellung. Durch die Eiweißzulagen und moderate Bewegung kommt es auch nicht mehr zu einem Muskelabbau, was den Jo-Jo-Effekt ebenfalls verhindert.

STANDARD: Für alle, die sich entscheiden: Wie sieht ein durchschnittlicher Fastentag nach F. X. Mayr aus?

Sartor: Der Tag beginnt mit Morgengymnastik. Nach einem Glas Bittersalz wird Dinkelbrot mit Ziegenjoghurt und Tee gefrühstückt. Das dauert lange, weil viel gekaut werden muss. Mittags ebenso. Im Laufe des Tages finden Anwendungen und ärztliche Bauchbehandlungen statt, die Ablagerungen im Dickdarm lösen und unterstützt durch Atemübungen eine Lymphdrainage im Bauch bewirken. Oberstes Gebot für alle, die mayrn: Schonung von Darm, Körper, Geist und Seele.

STANDARD: Das heißt: Im Alltag ist eine F.-X. Mayr- Kur eigentlich nicht möglich?

Sartor: Schon, aber man erreicht nicht die Intensität und den Grad von Regeneration, der möglich ist. (DER STANDARD; Printausgabe, 23.02.2009)

  • Täglich zur Kur: Bittersalz
    foto: standard/matthias cremer

    Täglich zur Kur: Bittersalz

  • Zur Person: Henning Sartor (50) ist ärztlicher Leiter des Gesundheitshotels Spanberger, dem Geburtshaus von Franz Xaver Mayr (1875-1965) in Gröbming. Sartor promovierte in Labormedizin, arbeitete als Notfallmediziner und Hausarzt und ist Vorstandsmitglied der internationalen Gesellschaft der Mayr-Ärzte
    foto: standard/matthias cremer

    Zur Person: Henning Sartor (50) ist ärztlicher Leiter des Gesundheitshotels Spanberger, dem Geburtshaus von Franz Xaver Mayr (1875-1965) in Gröbming. Sartor promovierte in Labormedizin, arbeitete als Notfallmediziner und Hausarzt und ist Vorstandsmitglied der internationalen Gesellschaft der Mayr-Ärzte

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