Mut und Können, Pech und Tränen

20. Februar 2009, 12:22
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Innauer fand es "bewunderswert", wie die Skispringerinnen im allerersten WM-Bewerb auftraten. Sieg an Lindsey Van. Daniela Iraschko weinte über Rang vier

Sarah Hendrickson lief so schnell, wie man laufen kann in klobigen Skisprungstiefeln. Eben hatte die 14-Jährige aus Salt Lake City noch für ein Foto posiert, ihr schönstes Lächeln und ihre Handschuhflächen präsentiert. Rechts mit "I" und Herzchen, links mit "Mum" bemalt. Aber dann sprintete Sarah, 40 Kilo schwer und keine 1,50 Meter hoch, zum Auslauf der Sprunganlage Jested ob Liberec. Dort ließ sich im beständigen Schneefall schon Lindsey Van, die allererste Weltmeisterin im Skispringen, feiern. Nach einem sporthistorischen Ereignis, das Argumente geliefert hatte sowohl für als auch wider die WM-Würdigkeit der weiblichen Skispringerei.

37 Sportlerinnen schmückten den Bewerb, sieben sprangen trotz längstmöglichem Anlauf und beachtlichem Speed (bis 91,8 km/h) über den mit 90 Metern festgesetzten Punkt der Schanze. Am Hunderter kratzte keine. Stürze wie jener einer zwölfjährigen Tschechin im ersten Training wurden vermieden - ein-, zweimal nur knapp. 143 Punkte, eine ganze Skisprungwelt, trennten am Ende die Siegerin von der 31. und Letzten.

"Prinzipiell ist es bewundernswert, wie sich die Mädchen bei diesen Verhältnissen geschlagen haben", sagte Anton Innauer dennoch, während die Amerikanerinnen tanzten. "Normalerweise jagt man bei diesem Wetter keinen Hund hinaus. Aber sie haben Schneid und Können gezeigt." Innauer, Österreichs nordischer Direktor für Sprunglauf und Kombination, tat sich schwerer mit der Analyse als sonst. Schließlich ist Daniela Iraschko, die Dominatorin des Trainings, die einzige Dame, die der Normalschanze zu Liberec beim Üben mehr als 100 Meter abgerungen hatte, gescheitert. Rang vier ließ die 25-Jährige mit den Tränen kämpfen.

Innauer rang um Contenance. "Das Bild wurde sehr verfälscht." Im ersten Durchgang durch einen Arbeiter auf der Schanze, der eines Handyanrufs wegen unmittelbar vor Iraschko vergessen hatte, den Neuschnee mit seinem Gebläse aus der Anlaufspur zu entfernen. Im zweiten Durchgang, den Iraschko als Viertplatzierte und punktgleich mit der späteren Siegerin, der höheren Startnummer wegen aber unmittelbar vor Van in Angriff genommen hatte, entschied der Wind mit. Mit zwei Metern pro Sekunde von hinten, gerade noch innerhalb des festgesetzten Korridors, blies er, als Iraschko losfahren musste, weil die Ampel grün zeigte.

Windstille, Höchstweite

Kaum war die Steirerin unterwegs, sprang die Ampel auf Rot um. "Da habe ich gewusst, dass der Sprung nichts werden kann", sagte Innauer. Van fand nach kurzer Pause weit bessere Bedingungen vor, bei Windstille sprang sie Tageshöchstweite (97,5 Meter) und also zur Goldmedaille.

Die in Detroit geborene Weltmeisterin hatte zum kleinen Favoritinnenkreis gezählt. Seit 1993 ist Van Skispringerin, im Continental-Cup siegte sie siebenmal, 2007 gewann sie den sogenannten FIS Ladies Grand Prix. Der Probesprung auf bescheidene 63 Meter (Iraschko 98) habe sie nicht verunsichert, sagte Van. Und natürlich, sie könne nicht glücklicher sein, "das ist der schönste Augenblick meiner Karriere. Es war wegen der Bedingungen hart zu springen, aber es war ein Spaß."

Kein Spaß sei, dass sie sich alt fühle mit ihren wehen Knien. "Die old Lady hat gewonnen, aber lange tue ich mir das nicht mehr an", versicherte Van (24). Schon der Versuch einer Titelverteidigung 2011 in Oslo scheint ihr unmöglich. "Aber wir haben ja Nachwuchs", sagte die Weltmeisterin und zeigte auf das strahlende Mädchen daneben. Auch Sarah Hendrickson hat schon gewonnen. In dieser Saison im Continental-Cup in Zakopane. 79 Meter reichten aus. Der Bewerb wurde nach einem Durchgang abgebrochen, aber gewertet. (Sigi Lützow aus Liberec, DER STANDARD, Printausgabe, Samstag, 21. Februar 2009)

SKISPRINGEN - Damen, Normalschanze: 1. Lindsey Van (USA) 243,0 Pkt. (89,0/97,5 m) - 2. Ulrike Gräßler (GER) 239,0 (93,5/93,0) - 3. Anette Sagen (NOR) 238,5 (93,5/94,0) - 4. Daniela Iraschko (AUT) 228,0 (89,0/91,0) - 5. Coline Mattel (FRA) 220,5 (90,0/87,5) - 6. Jessica Jerome (USA) 207,0 (80,5/91,0) - 7. Magdalena Schnurr (GER) 205,0 (89,0/81,5) - 8. Anna Häfele (GER) 204,5 (88,5/82,5) - 9. Line Jahr (NOR) 201,0 (88,0/81,5) - 10. Ayumi Watase (JAP) 197,5 (76,5/90,5). Weiter: 12. Jaqueline Seifriedsberger (AUT) 178,5 (76,0/83,0)

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    Lindsey Van ist die erste Weltmeisterin unter den skispringenden Damen.

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    Daniela Iraschko ging hingegen leer aus.

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