Mädchenschulen in Flammen

19. Februar 2009, 21:20
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Pakistan übergibt den Taliban eine Region, wo sie schalten und walten können - Eine Analyse

Wien - Unter "Scharia" stellen sich im Westen wohl viele ein Buch vor, in dem das Tun und Lassen des guten Muslims plus die Strafen für Zuwiderhandeln ein für alle Mal aufgeschrieben sind. Die "Einführung der Scharia" - wie soeben im Swat-Tal, eigentlich in der gesamten Region Malakand in Nordwest-Pakistan - wäre demnach der Beschluss, genau nach diesem Buch vorzugehen.

Das ist falsch. Nicht ohne Grund haben zahlreiche liberale muslimische Juristen sich der Kodifizierung der Scharia immer widersetzt. Denn die Interpretation, was man aus dem islamischen ethischen und rechtlichen Grundgerüst - das ist die Scharia - abzuleiten habe, vor allem als Jurisdiktion, ist lebendig. Sogar wenn man im konservativen Bereich bleibt: In Saudi-Arabien mit seiner sehr strengen Islam-Interpretation wurde soeben eine Frau Ministerin, und Mädchen stellen die Mehrheit an Universitäten, während im Swat-Tal, einer Taliban-Hochburg, in den vergangenen Jahren dutzende Mädchenschulen in Flammen aufgingen, im Namen einer Scharia, in der Mädchen angeblich nicht zur Schule gehen dürfen.

Weiterentwicklung des Deobandismus

Die Ideologie der Taliban ist in Wahrheit eine wilde Mischung und in diesem Sinn durchaus ein "modernes" Phänomen, so antimodern sie sich auch äußert. Das paschtunische Stammesrecht (Paschtunwali) mischte sich mit einer pakistanischen radikalen Weiterentwicklung des Deobandismus (einer antikolonialen islamischen Erweckungsbewegung in Indien), dazu kam später, mit dem Geld aus Saudi-Arabien, der wahhabitische Einfluss und noch später die Nähe zum ultrawahhabitischen Saudi-Dissidenten Osama Bin Laden und seinem internationalen Jihadismus. (Auch der Wahhabismus ist eine islamische Erweckungsbewegung, entstanden im 18. Jahrhundert auf der arabischen Halbinsel.)

Aber der Internationalismus war eher ein Unfall der Geschichte, die Taliban sind eine lokale Bewegung - in diesem Sinn ist die Hoffnung der pakistanischen Regierung verständlich, die sich dadurch, die Taliban in ihren Gebieten schalten und walten zu lassen, einen Waffenstillstand erkaufen will. Der Schönheitsfehler ist, dass der Deal offenbar nur mit einem Teil der pakistanischen Taliban geschlossen wurde: mit Maulana Sufi Mohammed, während dessen mächtigerer Schwiegersohn Maulana Fazlullah mit seinem Verbündeten Baitullah Mehsud, dem Führer der Tehrik-i Taliban (das ist quasi der Taliban-Dachverband), draußen bleibt.

Taliban ein Kind des Kalten Kriegs

Die Taliban ("Studenten" ) sind indirekt ein Kind des Kalten Kriegs: Nachdem Afghanistan nach dem Abzug der Sowjets 1989 immer mehr im Chaos der sich bekämpfenden Islamistengruppen versank, setzte sich 1994 von Pakistan aus - und vom pakistanischen Geheimdienst unterstützt - eine Gruppe von an pakistanischen Medresen herangebildeten afghanischen paschtunischen Flüchtlingen Richtung Heimat in Bewegung, wo sie sich bald als Ordnungsmacht etablierte. 1996 nahmen die Taliban Kabul ein. Sie waren nicht nur den vom Krieg erschöpften Afghanen zum Teil willkommen, auch äußere Beobachter - wie die USA - konnten der Befriedung Afghanistans etwas abgewinnen.

Die schwersten Menschenrechtsverletzungen, mit denen sie die Verstöße ihrer Regeln ahndeten und gegen "andere" (zum Beispiel Schiiten) vorgingen, war nicht genug. Erst die Allianz mit Osama Bin Laden brachte nach den Anschlägen von 9/11 die USA dazu, in Afghanistan zu intervenieren und die Taliban von der Macht zu vertreiben. Der erste Krieg war schnell gewonnen, die Nachkriegszeit schnell verloren, und die Taliban waren de facto nie besiegt. Stattdessen rutscht ihr Rückzugsgebiet, und damit Pakistan, immer mehr in den Krieg mit den USA hinein.

Taliban-Führer Mullah Omar wurde nie gefasst. Genauso wenig wie Osama Bin Laden, dessen Versteck der Geograf Thomas Gillespie (University of California) jetzt "errechnet" haben will: Demnach soll sich der Kaida-Chef in der pakistanischen Stadt Parachinar, nahe der afghanischen Grenze, aufhalten. Gillespie proponiert sogar drei Häuser, wo er sein könnte. (Gudrun Harrer/DER STANDARD, Printausgabe, 20.2.2009)

 

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