Diskussion um Sammlung zu indischem Medizinwissen

20. Februar 2009, 18:38
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Patentierung traditionellen Wissens im Ausland soll verhindert werden - Kritiker: Vorrechte indigener Völker weiter zurückgedrängt

München/Bonn - Eine Auflistung des Wissens der traditionellen indischen Medizin wie Ayurveda, Unani, Siddha und Yoga liefert die in der Vorwoche veröffentlichte Traditional Knowledge Digital Library. Für die Entstehung der Sammlung haben 200 Wissenschaftler in acht Jahren Arbeit 230.000 Formeln aus alten Texten der Sprachen Hindi, Sanskrit, Arabisch, Persisch und Urdu zusammengetragen.

Hauptziel der Datenbank des Council of Scientific and Industrial Research CSIR ist es, die Patentierung traditionellen indischen Wissens im Ausland zu verhindern. Während Vinod Kumar Gupta, der Leiter der Datenbank, eine zukünftige kommerzielle Nutzung ansteuert, trifft das Projekt in Indien und anderswo auf Kritiker. Das Verzeichnis trage dazu bei, die Vorrechte indigener Völker weiter zurückzudrängen.

Rechtssicherheit

"Die Datenbank erleichtert die Neuheitsrecherche und erhöht damit die Rechtssicherheit von Patenten", erklärt Rainer Osterwalder, Sprecher des Europäischen Patentamts (EPA), im Interview. Da das europäische Patentrecht Neuheit im absoluten Sinn verlange, müsse für jeden Patentantrag so weit wie möglich abgeklärt werden, ob tatsächlich von einer Neuentdeckung die Rede ist. "Für ein Medizinpatent bedeute das etwa, dass die Heilwirkung einer Pflanze für eine bestimmte Krankheit zuvor nicht bekannt sein darf", so der EPA-Sprecher.

Etwa 100 der 140.000 Patentanträge, die das Europäische Patentamt jährlich behandelt, würden jenen Bereich betreffen, in dem das Wissen indigener Völker eine Rolle spielen könnte. Während mit bestimmten anderen Ländern ähnliche Übereinkommen bestehen, sei Recherche nach indischen Heiltraditionen vor Erstellung der Datenbank nicht möglich gewesen. Eine Preisgabe der Datenbankeinträge durch die Behörde schließt Osterwalder aus.

Kritik

Bedenken gegen das Projekt äußert Michael Frein, Experte für Biopiraterie und Referent für internationale Politik beim Evangelischen Entwicklungsdienst EED. "Durch die Verzeichnung ist die Nutzung der Heilmethoden aus den Händen der indigenen Völker genommen. Man braucht sie nicht mehr und beraubt sie des Rechts, zu bestimmten Formen der Anwendung Zustimmung zu geben oder sie abzulehnen", so Frein.

Die denkbare völlige Freigabe der Daten würde kulturelle Kontexte oder religiöse Vorbehalte der Völker im Zusammenhang mit ihren Heilmethoden missachten. Das Prinzip frei zugänglicher Information wäre in diesem Fall gegen die Träger des Wissens gerichtet. "Open Source eignet sich dazu, die Macht der Größeren und den Trend zur Ökonomisierung zu durchbrechen. Die Informationsfreigabe soll jedoch vorrangig seitens der Konzerne stattfinden, nicht bei indigenen Völkern. Warum bei den Ärmsten beginnen?"

Wissenserhalt

Den chinesischen Weg, Patente auf traditionelle Heilmethoden anzustreben, sieht Frein nicht als sinnvolle Alternative. "Patente sind eine abendländische Erfindung, die indigene Völker gar nicht wollen. Zudem stellt sich die Frage, was in zwanzig Jahren passiert, wenn das Patent abläuft. Jahrhundertealtes Wissen wird somit aufs Spiel gesetzt." Bestimmte Projekte der Entwicklungszusammenarbeit konzentrieren sich hingegen auf den Erhalt des traditionellen Wissens in den lokalen Gemeinschaften. "Eine Möglichkeit besteht darin, Heiltraditionen in Büchern zu verzeichnen, die etwa beim Dorfchef stehen. Auch die Förderung der weiteren Nutzung des Wissens sichert dessen Fortbestand", so Frein abschließend. (pte)

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