"Nazischrott" am Zeitungsstand?

19. Februar 2009, 20:10
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So bizarr die Aufregung in Deutsch­­land erscheinen mag, so nachdenklich stimmt die Ge­las­sen­heit, mit der man in der hei­mischen Öffentlichkeit darauf reagierte - Von Kurt Bauer

Ein englischer Verleger, der die deutschen Kioske von der Maas bis an die Memel, von der Etsch bis an den Belt Woche für Woche mit altem Nazidreck bestückt? - Mal der Völkische Beobachter, mal Goebbels' Angriff, mal Streichers Stürmer (mit exklusiven Enthüllungen über die jüdische Weltverschwörung und topaktuellen Ritualmordstorys). Alles gefühlsecht anno 33 bis 45 ...

David Irvings neuester Coup? Nein, ein durchaus seriöses zeitgeschichtliches Projekt, das gerade gehörigen Staub aufwirbelt. Der Verleger Peter McGee lanciert seit Jahren reihum in Europa Faksimiles von historischen Zeitungen aus sensiblen Epochen. Das Ganze verpackt er in einen vierseitigen Mantel, der erläuternde wissenschaftliche Beiträge enthält. Vertrieben werden die wöchentlich erscheinenden Ausgaben an Zeitungskiosken und im Abonnement.

"Missbrauchsgefahr"

In Deutschland kam es zum Eklat, als das Projekt unter dem Titel "Zeitungszeugen" Mitte Jänner startete. Der ersten Ausgabe lag neben einem nationalkonservativen und einem kommunistischen Blatt auch der nationalsozialistische Angriff bei. Prompt forderte das bayrische Finanzministerium McGee auf, dies zu unterlassen und die verteilten Exemplare einzuziehen.

Klingt bizarr. Aber 1945 hatten die Alliierten den Hausverlag der Nazis, die Franz Eher Nachfolger GmbH, verboten und die Rechte an Publikationen wie dem Angriff oder dem Völkischen Beobachter dem Freistaat Bayern übertragen - verbunden mit dem Auftrag, jede weitere Verbreitung zu verhindern. Und daran fühlen sich die Bayern mehr als 60 Jahre später noch immer gebunden.

Als die zweite Ausgabe der "Zeitungszeugen" einen Reprint des Völkischen Beobachters enthielt, reichte es den bayerischen Finanzern. Sie stellten wegen "nicht akzeptabler Missbrauchsgefahr" Strafantrag. Das Amtsgericht München ordnete die Beschlagnahme an. Daraufhin stand das deutsche Feuilleton Kopf - vom Spiegel über Zeit, Welt, Süddeutsche bis zu WAZ, FAZ und taz. Selbst das Ausland, wie immer in dergleichen Fällen, horchte auf. Der anstehende Prozess ist allerdings vorläufig gestoppt. Wie es aussieht, wollen beide Seiten einen kostspieligen Rechtsstreit vermeiden und streben einen Vergleich an.

Genau besehen geht es ohnehin weniger um die juristisch umstrittenen Ansprüche Bayerns, sondern um anderes. Um mehr. Um die Frage, wie mit der leidigen Vergangenheit prinzipiell umgegangen werden soll. Ist es notwendig, NS-Originaldokumente, wie historische Zeitungen es nun einmal sind, unter Quarantäne zu stellen? Sollen wir nicht lesen dürfen, was unsere Großeltern lasen? Ist es nach 60 Jahren Demokratie noch immer zu gefährlich, dass sich freie Bürger ihr eigenes Urteil bilden?

Manche, scheint es, sind dieser Meinung. Der Zentralrat der Juden in Deutschland etwa sprach von "Kopiervorlagen für Nachwuchsnazis". Der Verleger gehe wohl nach der Methode "Hitler sells" vor. Und die Bundeswehr verbot die Zeitungszeugen in ihren Kasernen. Aus Angst, besonders stramme Soldaten könnten sich Leni Riefenstahl oder Emmy Göring in den Spind kleben?

Weniger Berührungsängste haben führende Zeithistoriker. Hans Mommsen bezeichnet die Situation als "neurotisch". In Wahrheit sei die Edition bestens geeignet, die Schuljugend an dss Thema heranzuführen. Er gehört ebenso dem wissenschaftlichen Beirat der "Zeitungszeugen" an wie Benz, Botz, Longerich und diverse andere Kapazunder. - Komisch. Bei uns in den ehemaligen Donau- und Alpenreichsgauen hat die Angelegenheit niemand weiter aufgeregt. Das 2008 laufende "NachRichten"-Projekt desselben Verlegers war ein schöner Verkaufserfolg. Kaum Kritik, kaum Diskussion, keinerlei Emotion. Dem ORF war anfangs nicht ganz wohl bei der Sache. Er ließ sich schließlich überzeugen, das Geld des Verlegers zu nehmen und die gewünschten TV-Spots zu senden. Später verließ das Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes den wissenschaftlichen Beirat, unglücklich über den "zu wenig distanzierten Nachdruck brutal antisemitischer Propaganda", wie DÖW-Chefin Brigitte Bailer-Galanda meinte.

Hierzulande gibt es für eine Debatte wie im großen Nachbarland, von dem uns die gemeinsam verbrochene Vergangenheit trennt, keine Öffentlichkeit. Es drängt sich der Schluss auf, dass die Opferthese (Österreich als erstes Opfer Hitlers) trotz aller gegenteiligen Bekundungen bis heute beinahe ungebrochen funktioniert. Wir wissen zwar irgendwie vage um die Problematik der NS-Geschichte, aber als Teil unseres gesellschaftlich-historischen Erbes empfinden wir sie im tiefsten Inneren nicht. So gesehen hätte eine öffentliche Debatte nicht geschadet. Ihr Ausbleiben stimmt im Nachhinein gesehen bedenklich.

Einfacher Lackmustest

Bleibt zu fragen: Können alte Zeitungen wirklich gefährlich werden? Wie ist das dann mit dem "Anno"-Projekt der Nationalbibliothek? Droht etwa eine Wiederverständestaatlichung, weil jede Ausgabe der Reichspost zwischen 1933 und 1938 online abrufbar ist?

Es ist mehr als zweifelhaft, dass Rechtsradikale irgendwas mit den alten NS-Blättern anzufangen wüssten. Zum Nazi wird keiner, der das liest. Im Gegenteil.

Es gäbe ja vielleicht auch einen einen einfachen Lackmustest für die Rechtsextremismusverträglichkeit des Projekts: Man müsste nur rausfinden, wie viele Abos das Büro des Dritten Nationalratspräsidenten geordert hat. (Kurt Bauer/DER STANDARD, Printausgabe, 20.2.2009)

Zur Person
Kurt Bauer ist wissenschaftlicher Mitarbeiter des Ludwig-Boltzmann-Instituts für Historische Sozialwissenschaft. Zuletzt erschienen: "Nationalsozialismus. Ursprünge, Anfänge, Aufstieg und Fall" (UTB, 2008).

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    In Deutschland heftig umstritten und von bayrischen Behörden beschlagnahmt, hierzulande kein Thema: Teilansichten des von österreichischen Historikern geleiteten Projekts "Zeitungszeugen".

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