Noch nie gesehene Bilder der Welt

19. Februar 2009, 19:05
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Als sich Mikroskop, Teleskop und wissenschaftliche Experimente im 19. Jahrhundert mit dem jungen Medium Fotografie verbündeten, entstanden völlig neue Bilder

... von und auf die Welt: Unsichtbares wurde plötzlich sichtbar.


Das Licht der Himmelskörper selbst werde es sein, das ihre Darstellung hervorbringt. Das war es, was den Physiker und Astronomen Dominique François Arago, der die Daguerreotypie 1839 der französischen Deputiertenkammer vorstellte, an der Fotografie so beeindruckte. In einer von Wissenschaft berauschten Zeit, Telegrafie (1833) und Dampfschiff (1836) waren gerade erst erfunden, sollte also der Himmel eines der ersten wissenschaftlichen Objekte dieses jungen Mediums sein. Aber Bruder Mond, nächster und mit bloßem Auge sichtbarer Himmelskörper, war zunächst einmal wenig kooperativ: Nur matt war sein Leuchten und auch das Ergebnis, das jenes auf den noch recht unempfindlichen Fotoplatten erzielte.

So nah und doch so fern

Mit einem Fernrohr, das sich synchron zur Erddrehung bewegte, tricksten George Phillips Bond und John Adams Whipple zumindest einmal die Erddrehung aus: 1851 gelang ihnen ein scharfes und detailliertes Bild der Mondoberfläche. Bald wurde die Lichtempfindlichkeit so gut, dass die "Himmelsgeografen" sogar ferne Sternnebel sichtbar machten - quasi das Unsichtbare ganz nahe heranholten.

Dieser Fotografie des Unsichtbaren hat die Albertina in Kooperation mit dem San Francisco Museum of Modern Art eine Ausstellung gewidmet. Mit rund 250 Exponaten, davon rund 100 aus der Sammlung der Albertina, soll das Zusammenwirken von Fotografie und Wissenschaft, die beide im 19. Jahrhundert eine Blüte erlebten, nachgezeichnet werden.

An die Entdeckung des bisher Unsichtbaren knüpften sich allerdings einige - verunsichernde und destabilisierende - Erkenntnisse: Zum einen galt es zu akzeptieren, dass es Abläufe gibt, die über das menschliche Wahrnehmungsvermögen hinausgehen, zum anderen einzusehen, dass die Erde im Vergleich zur Weite des Universums bedeutungslos klein ist. Uralte religiöse und philosophische Vorstellungen wurden von der neuen visuellen Realität über den Haufen geworfen.

Mit der - zufälligen - Entdeckung der Röntgenstrahlen 1895 grenzte die Fähigkeit der Fotografie, die Sichtbarkeitsgrenzen zu überschreiten, sogar an das Unheimliche. Seinem ersten Text zur Entdeckung legte Wilhelm Conrad Röntgen eine aus damaliger Sicht höchst gespenstische - weil von der Aura des Todes begleitete - Röntgenaufnahme von der Hand seiner Frau bei: Sie zeigte die Knochen und den Schatten eines Rings. Die neue Visibilität kappte nun völlig jede Verbindung mit der menschlichen Sehkraft: "Die Natur hatte tatsächlich ihr eigenes Bild gezeichnet, doch glich dieses keinem, das die Welt je gesehen hatte", schreibt Kuratorin Corey Keller im Katalog zur Ausstellung  (240 S., € 29, Brandstätter, 2009).

Knochensehen gegen Eintritt

Und weil die Welt so etwas noch nie gesehen hatte, wurde das technische Wunder Röntgenbild ab 1896 auch als Spektakel präsentiert. Vielen schienen diese Aufnahmen sogar unterhaltsamer zu sein als die "lebenden Bilder" der Cinématographie, die sich aus der Bewegungsfotografie von Marey und Muybridge entwickelt hatte: Gegen Eintritt bekamen Besucher auf Jahrmärkten also ihr eigenes Skelett präsentiert und - unwissentlich - eine tödliche Strahlendosis verpasst.

In der Albertina werden aber nicht nur die abstrusesten Fotoexperimente mit Röntgen (Langusten am Teller, um 1897), Elektrizität und Magnetismus gezeigt und erheiternde Exkurse in die Geisterfotografie unternommen, die dem weitverbreiteten Spiritualismus des 19. Jh.s einigen Auftrieb verlieh. Die Ausstellung entführt auch in die faszinierende Welt des Kleinen: in den mikrofotografischen Kosmos von Kieselalgen, Krätzmilben und Kristallen. (Anne Katrin Feßler / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 20.2.2009)

Bis 24. Mai in der Albertina

  • Tatsächlich! Eadweard Muybridge bewies (Lichtdruck, um 1887), dass galoppierende Pferde kurzzeitig alle Beine in der Luft haben. 
 
 
    foto: albertina

    Tatsächlich! Eadweard Muybridge bewies (Lichtdruck, um 1887), dass galoppierende Pferde kurzzeitig alle Beine in der Luft haben.

     

     

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