Der neue Dreißigjährige Krieg

19. Februar 2009, 18:48
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Die Nato richtet sich auf einen langen Kampf in Afghanistan und Pakistan ein

Afghanistan wird härter als der Irak, sagt der eine voraus. Der Krieg werde lange dauern, meint der andere und weiß, dass der Westen und seine Verbündete doch schon mehr als sieben Jahre kämpfen. Man zweifelt, welche Prophezeiung fürchterlicher ist - die von Richard Holbrooke, dem neuen amerikanischen Sondergesandten für Afghanistan und Pakistan, oder jene von Robert Gates, dem letzten Verteidigungsminister der Bush-Regierung, den der neue US-Präsident wohlweislich behalten hat.

Zwanzig Jahre galten bisher als gute Schätzung für die Dauer des Afghanistankriegs. Doch das war vor der Krise des Vertrauens in die Regierung von Afghanistans Präsident Hamid Karsai und vor der unheimlichen Unterwanderung Pakistans durch die Taliban und der mit ihnen verbündeten Milizen. Die letzten Jahre seit dem Sturz des Regimes der "Koranschüler" in Kabul im Dezember 2001 miteingerechnet, könnten die Nato und die Armeen Afghanistans und Pakistans am Ende gemeinsam einen Dreißigjährigen Krieg am Hindukusch gegen den islamistischen Widerstand führen. So viel zur historischen Dimension.

Die Atlantische Allianz schickt sich nun an, ihre Kriegsstrategie zu korrigieren. Mehr Soldaten sind notwendig, aber nicht die Lösung, lautet der Befund, widersprüchlich auf den ersten Blick, aber doch nur widerspiegelnd, was bisher falsch lief im Afghanistan-Feldzug.

Amerikaner und Europäer - oder vielmehr jene europäische Staaten, die sich engagieren wollen - steuern eine Ausweitung und Intensivierung des Kriegs an. Wirklich ins Bewusstsein der Öffentlichkeit diesseits und jenseits des Atlantiks ist das wohl noch nicht gedrungen. Ob die Bevölkerung in den Nato-Ländern, zumal in den USA, die den Großteil der militärischen Anstrengungen und Opfer tragen, diesen Krieg in Südasien so lange unterstützen, ist auch fraglich. Barack Obama ist nicht gewählt worden, um die amerikanischen Soldaten aus dem Irak zu holen und dafür nach Afghanistan zu schicken. Der neue Mann im Weißen Haus kann gleichwohl ein besseres Argument für seinen Krieg anführen als sein Vorgänger George W. Bush bei der Invasion des Irak: Islamische Terroristen dürfen kein Rückzugsgebiet haben. Es geht immer noch um 9/11, die Anschläge auf die Vorortzüge in Madrid 2004, auf die Londoner U-Bahn 2005.

Auch die quälend langsame Konsensbildung innerhalb der Nato stellt einen Erfolg des Kriegs infrage. Spätestens seit der Rückkehr der Taliban in den Süden Afghanistans vor zwei Jahren ist das Militärbündnis gespalten:in jene, die im Süden und Osten des Landes kämpfen, und die anderen im Norden und Nordwesten, die den wirtschaftlichen Aufbau zu sichern versuchen. Durchhalten wird die Nato den Krieg auf dieser Basis nicht. Die Fälle von Befehlsverweigerung bei niederländischen Soldaten in Südafghanistan und das Drama um die zehn französischen Soldaten, die im vergangenen Sommer in einen Hinterhalt gerieten und verbluteten, weil die Schützenhilfe zu langsam kam und zu schlecht organisiert war, zeigten, wie ungleich die Lasten in der Allianz verteilt sind.

Mehr Soldaten und eine andere Strategie: David Petraeus, der amerikanische Oberkommandierende, will auf Afghanistan übertragen, was ihm zuvor im Irak halbwegs gelang. Keine Bombenkampagnen, aber massive militärische Präsenz; aus den Stützpunkten herausgehen, den Kontakt mit der Bevölkerung suchen, Vertrauen gewinnen - "viele Tassen Tee trinken" , wie Petraeus meint. Möglich, dass er Erfolg hat. Aber es wird nur ein halber Sieg sein. Pakistans Stabilisierung und die Zurückdrängung der Talibanverbündeten sind eine noch viel schwerere Aufgabe. (Markus Bernath/DER STANDARD, Printausgabe, 20.2.2009)

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