Russlands offene Wunde

19. Februar 2009, 18:40
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Seit Donnerstag muss man noch stärker befürchten, dass der Mord an der Journalistin ungesühnt bleibt - von Josef Kirchengast

Freispruch für die vier Angeklagten, die in Moskau wegen Beihilfe zum Mord an der Kreml-kritischen Journalistin Anna Politkowskaja vor Gericht standen - eine weitere Farce der russischen Justiz? Wohl nicht, wenn selbst die Anwältin der Familie des Opfers von einem "seltenen Beispiel für Rechtsstaatlichkeit in Russland" spricht.

Die Ungereimtheiten in dem Prozess, der einmal öffentlich, dann wieder hinter verschlossenen Türen abgehalten wurde, waren auch zu groß, als dass Schuldsprüche einen einigermaßen plausiblen Abschluss gebildet hätten. Dies wäre auch gar nicht möglich gewesen, wo sich doch der mutmaßliche Todesschütze, ein Bruder der beiden mitangeklagten Tschetschenen, auf freiem Fuß befindet.

Vor allem aber ist der Auftraggeber des Mordes weiter unbekannt. Eine Verwicklung des Geheimdienstes kann man als sicher annehmen: Anna Politkowskaja wurde mit einer Waffe getötet, die von der Polizei bei einem früheren Verbrechen beschlagnahmt worden war.

Die Journalistin, die über schwere Menschenrechtsverletzungen der russischen Sicherheitskräfte in Tschetschenien berichtete, wurde schon fünf Jahre vor ihrem Tod bedroht, damals von einem Offizier. Darüber berichtete sie dem Autor dieser Zeilen während eines Aufenthalts in Wien. Seit Donnerstag muss man noch stärker befürchten, dass der Mord ungesühnt bleibt. So wirkt Anna Politkowskaja mehr denn je als politische Mahnung und journalistisches Vorbild weit über die Grenzen Russlands hinaus. (Josef Kirchengast/DER STANDARD, Printausgabe, 19.2.2009)

 

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