Dieser schreckliche Körper

20. Februar 2009, 12:36
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Ein Programm des französischen Choreografen Boris Charmatz im Tanzquartier Wien

Wien - Die seltene Gelegenheit, jenen Quellen zu begegnen, auf die sich ein Choreograf bei der Erarbeitung eines Stückes beruft, bietet die Programminsel Island: From a Piece im Tanzquartier Wien noch bis Samstag. Wenn dieser Choreograf auch noch Boris Charmatz ist, einer der renommiertesten und progressiven Tanzschaffenden Frankreichs, dann scheint das bisher große Publikumsinteresse daran umso berechtigter.

Im Zentrum dieser Kuratierung ist Charmatz' La danseuse malade, eine düstere Abhandlung über die im Westen so gut wie unbekannten Texte von Tatsumi Hijikata, dem Erfinder des Butô, des japanischen "Tanzes der Finsternis" . Die Hauptrollen spielen die französische Schauspielerin Jeanne Balibar, ein ramponierter Kastenwagen und Charmatz selbst. Balibar sitzt am Steuer des Wagens und rezitiert so intensiv wie souverän das wüste Textmaterial des 1986 verstorbenen Ausnahmekünstlers.

Sie versenkt sich in eine Poesie über den Körper, die so ganz das Gegenteil jenes Körperkults darstellt, den Fit- und Wellnessbewegungen seit Jahren auf den Markt werfen. Vielleicht ein Grund dafür, dass Butô heute vor einer Renaissance stehen könnte. Charmatz verbindet diese Inspirationsquelle mit seiner Faszination für Maschinen. Der elektrisch betriebene Wagen hängt wie eine Marionette an den Kabeln einer kranartigen Vorrichtung von der Bühnendecke.

Ein Abend der Programminsel trug den Titel Rebutoh-Evening. Ein Wortspiel: Im Französischen bedeutet "rebuter" so viel wie abschrecken. Tatsächlich hat Hijikatas Butô mit dem Schrecklichen des menschlichen Körpers zu tun, wie in dem Film Hosotan zu sehen war. Das seltene Dokument zeigt ein Stück des Choreografen.

Die Butô-Ästhetik ist eine Reaktion auf das traditionelle japanische Theater und auch auf die traumatischen Erfahrungen der Atombomben auf Hiroshima und Nagasaki. Die verschwommenen Bilder von Hosotan weisen darauf hin, wie sehr Butô im Nô und Kabuki verankert ist und wie heftig sich der Avantgardist Hijikata ab 1957 gegen deren disziplinierte Stilisierung wandte.

Nicht ohne Grund daher war die Programminsel mit einem berühmten Nô- Stück eingeleitet: Aoi no Ue - Azusanode. Das zentrale Motiv darin stellt einen Exorzismus dar. Und in einer gemeinsamen Tanzimprovisation mit Charmatz trat der meisterhafte Butô-Tänzer Ko Murobushi als Geist auf.

Sowohl Murobushi als auch Hosotan zeigten auch die groteske, humorvolle Seite des Butô.

Mit Erscheinungen eines gegenwärtigen Japonismus in der österreichischen Freizeitgestaltung beschäftigte sich der in Österreich lebende japanische Choreograf Michikazu Matsune - durchaus auf der Ebene des erwähnten Witzes.

Den Abschluss dieser von Boris Charmatz selbst gestalteten Programmierung bildet am Samstag ein Abend über Maschinen mit Beiträgen von Künstlern wie Christian Rizzo und Mette Ingvartsen. Zur Abschlussparty wird Fritz Ostermayer den DJ geben. (Helmut Ploebst / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 20.2.2009)

  • Boris Charmatz beim Einstudieren
 
 
    foto: agathe poupeney

    Boris Charmatz beim Einstudieren

     

     

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