Gläubiger 2.0

22. Februar 2009, 16:56
14 Postings

Wenn alle Stricke reißen, hilft vielleicht die Community - Einem Trend auf der Spur

"Zahnersatz", "Familienplanung", "Ausstattung neuer Büroräume", "Beseitigung von Wasserschäden" - was nach durchschnittlichen Bedürfnissen klingt, sind zusätzlich auch die Titel von Kreditanträgen. Schließlich kostet das alles Geld, und in Zeiten von Wirtschaftskrise und Kreditklemme suchen auch Schuldner neue Wege, um an Finanzierungen zu kommen.

Unter dem Schlagwort "social lending" lässt sich ein (nicht mehr ganz so neuer) Trend zusammenfassen. Mit Prosper oder Zopa waren die US-Amerikaner und Briten vor einigen Jahren die ersten, die sich auf die peer-to-peer-Kreditvergabe spezialisierten. Seit knapp zwei Jahren ist man auch in Deutschland auf den Zug aufgesprungen. Plattformen wie smava, Auxmoney, Money4friends oder Molino erblickten das Licht des Internet und kämpften zu Beginn mit einem zweifelhaften Ruf, was nicht zuletzt in der Geschäftsidee begründet liegt.

Ähnlich wie andere kommerzielle Online-Marktplätze, sind auch social-lending-Plattformen eine Art "Partnerbörse", wo Anleger und Kreditsuchende zueinander finden können. Frei nach dem Motto: "Wer möchte mein Gläubiger sein?" können Schuldner auf den jeweiligen Plattformen ihre Kreditgesuche inklusive der gewünschten Maximalverzinsung posten. Anleger entscheiden, ob Sie investieren wollen - und vergeben letztendlich den Kredit.

Vertrauen

Da bleibt die Frage offen, wie hier Vertrauen und Sicherheit geschaffen werden können - ein Punkt, der gerade von Konsumentenschützern immer wieder ins Treffen geführt wird. Für smava-Mitbegründer und Geschäftsführer, Alexander Artopé, sind dies berechtigte Einwände, die er aber gerne widerlegt: "smava prüft Kreditnehmer nach Identität, Bonität und Kapitaldienstfähigkeit. Wir arbeiten dabei mit der SCHUFA (Anm.: deutsche Schutzgemeinschaft für allgemeine Kreditsicherung) zusammen."

Außerdem könnten potenzielle Anleger sich auf der Website selbst einiger Kontrollmechanismen bedienen, die ganz der Idee des Online-Marktplatzes entsprechen: Eine "history" legt die Geschichte eines jeden Kreditnehmers auf smava offen, Anleger können bei den Schuldnern per Email anonym weitere Informationen zum gewünschten Kredit einholen und letztendlich gibt es auch ein Forum, in dem sich Anleger austauschen und ihre Erfahrungen teilen können. Zusätzlich gibt es eine quantitative Bewertung der Kreditnehmer auf Basis der Zahlungsmoral.

Dass sich das Risiko nie ganz wegkontrollieren lässt, weiß aber auch Artopé. Insgesamt gab es vier Prozent an Kreditausfällen. "Wer seine Raten nicht zahlt, wird auf unserer Seite gesperrt und kann nicht mehr um Kredite anfragen."

Um Kredite ansuchen können auf smava sowohl Private als auch Kleinunternehmer. Voraussetzung sei "ein Konto bei einer deutschen Bank und ein Wohnsitz in Deutschland". smava wickelt die Kreditvergabe beispielsweise über die Bank für Investments und Wertpapiere (ibw) ab. Wird den Kreditansuchen von Gläubigern - meist in der Gruppe - entsprochen, bekommt der Kreditnehmer das Geld überwiesen und zahlt es in Raten zuzüglich der vereinbarten Zinsen wieder zurück. Anlegern winkt auf smava eine erwartete Rendite von 5,5 bis 14,3 Prozent.

Transparenz

Vertrauen und Transparenz sind die Grundpfeiler der Community - genau das, woran es am globalen Finanzmarkt zuletzt haperte. "Die Anleger wollen keine undurchsichtigen Finanztransaktionen mehr, sie wollen nachverfolgen können, was mit ihrem Geld geschieht", erklärt Artopé. Es menschelt also am Kreditmarktplatz.

Dass aber die Berliner durchaus auch einen kommerziellen Background haben und nicht nur nach der sozialen Rendite suchen, liegt wohl auf der Hand. smava-Anleger zahlen eine einmalige Bearbeitungsgebühr von vier Euro pro Kauf einer Kreditforderung. Kreditnehmer müssen nur bei erfolgreichem Abschluss je nach Laufzeit eine Erfolgsgebühr von zwei Prozent (bei 36 Monaten) oder 2,5 Prozent (bei 60 Monaten) berappen. Ein Konzept, wofür smava unlängst auch von der deutschen Stiftung Warentest gelobt wurde.

Bei smava laufen die Geschäfte gut, in letzter Zeit sogar noch besser. Was englischsprachige Medien fast gebetsmühlenartig wiederholen, bestätigt auch Alexander Artopé: "Im Zuge der Finanzkrise und vor allem der Kreditklemme haben wir einen eindeutig höheren Zulauf zu unserer Seite. Zeitweise stieg das Kreditvolumen in einzelnen Monaten um bis zu 30 Prozent." Seit Gründung der Plattform im März 2007 wurden bisher insgesamt rund sieben Millionen Euro an Krediten vermittelt.

Marktausblick

Eine ermunternde Prognose für social-lending-Anbieter gab zuletzt auch das US-amerikanische Marktforschungsunternehmen Gartner ab: Bis 2010 werde diese Art der Kreditvergabe rund zehn Prozent des Gesamtgeschäfts ausmachen.

In Österreich kennt man social-lending bis dato nur vom Hörensagen. Smava eröffnete Anfang 2009 eine Tochtergesellschaft in Polen. Auf die Frage, wie es denn mit Österreich als Marktplatz für social lending aussehe, meint Artopè: "Möglich." (Daniela Rom, derStandard.at, 22.2.2009)

  • Bild nicht mehr verfügbar

    Wenn die Kreditklemme durchschlägt und keine Bank mehr Geld hergeben will, dann kommen social-lending-Plattformen erst richtig in Fahrt. In Österreich gibt's (noch) keine - in Deutschland wird der Community-Kredit immmer beliebter.

Share if you care.