Die verlorene Generation

20. Februar 2009, 18:44
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Die Doku "Harraga" erzählt die Geschichte zwei tunesischer Flüchtlinge, die den Tod auf dem Meer riskieren, um es nach Italien und in ein vermeintlich besseres Leben zu schaffen

"Einige haben Shampoo oder Benzin getrunken oder einen Hungerstreik gemacht. Ich habe Batterieflüssigkeit geschluckt", sagt der 30-jährige Khaled. Der Grund: Die Flucht aus der Krankenstation ist einfacher, als aus einem italienischen Aufhaltelager für illegale MigrantInnen. Annika Lems und Christine Moderbacher erzählen in ihrem ersten Dokumentationsfilm die Geschichte der beiden Tunesier Khaled und Ghabsi, zwei "Harraga". Sie nehmen lieber den möglichen Tod auf dem Meer in Kauf, als ein Leben ohne berufliche Perspektiven in Tunesien zu akzeptieren.

Mit schmalem Budget haben es die Anthropologiestudentinnen geschafft ein Portrait der Menschen zu zeichnen, die sich selbst als "verlorene Generation" bezeichnen. Sie heben die Problematik von Flucht und Migration über Bilder von anonymen Menschenmassen hinaus, die jedes Jahr an Italiens Strände gespült werden. Ergänzend dazu nehmen ExpertInnen aus Tunesien, Italien und Österreich Stellung zu Europas neuem, repressiven Zugang zu Asyl und Migration.

Perspektivenlosigkeit

Die Perspektive wechselt zwischen Tunesien und Mailand. "In Tunesien findet man keine Arbeit. Und selbst wenn - verdient man so schlecht, dass man nichts sparen kann", erklärt Khaleb. Offiziell beträgt die Arbeitslosenquote in Tunesien 14 Prozent. ExpertInnen berichten in der Doku, dass das unrealistisch ist. Vielmehr sind es mittlerweile 34 Prozent und die meisten Betroffenen sind junge Menschen.

Ein Großteil der Clandestini habe studiert, sie seien keine unqualifizierten Arbeiter, fügt eine italienische Politikwissenschafterin hinzu. Die Aussichtslosigkeit, trotz hoher Qualifikation keinen Job zu finden, treibt die Harraga dazu, mit allen Mitteln das Land zu verlassen. Nur mit einem Kompass und einem kleinen Boot geht es Kilometer weit über das Meer - Richtung vermeintlich besseres Leben. "Wir waren sechs Personen in einem 5,5 Meter langen Boot. Die Fahrt hat elf Stunden gedauert", Ghabsi schildert seine fünfte - und einzig erfolgreiche - Überfahrt nach Italien. Er hat sein Studium aufgegeben und das Land verlassen, da er sich vom Regime des tunesischen Präsidenten Zine al-Abidine Ben Alis verfolgt fühlte.

Großer Arbeitsmarkt für Illegale

Die Menschen seien gut informiert und vernetzt, sagt Journalistin und Autorin Corinna Milborn zu Lems und Moderbacher. Sie wissen, dass die Wahrscheinlichkeit, dass sie auf dem Meer sterben werden, bei 50 Prozent liegt. Dennoch nehmen sie das Risiko in Kauf. Denn es gebe in und jenseits von Italien einen riesigen, schlecht bezahlten Arbeitsmarkt für Illegale. "Das Geld reicht aber trotzdem, um etwas nach Hause zu schicken", sagt Milborn.

Viele Flüchtlinge nehmen die Strapazen umsonst in Kauf: Sie werden noch an der Küste von italienischen Polizisten aufgegriffen und kommen in "Zentren des vorübergehenden Aufenthalts". Diese so genannten "CPTs" sind umstritten. UNHCR und NGOs kritisieren, dass ihnen der Zugang verwehrt wird. Die einzigen Berichterstatter sind Anwälte der illegalen MigrantInnen, die selten Positives berichten. So kommt auf 300 Gefangene zurzeit ein Beraten.

Wer wissen will, wie es den tunesischen Freunden Khaleb und Ghabsi ergangen ist, hat dazu in den kommenden Tagen Gelegenheit. Das Schikaneder zeigt "Harraga" Montag bis Donnerstag jeweils um 19:30 Uhr. (Julia Schilly, derStandard.at, 20.2.2009)

Info:

Harraga

Zeit: 23./24./25./26. Februar, jeweils 19:30

Ort: Schikaneder

Margaretenstraße 24
A-1040 Wien
Tel. Kino: 01/ 58 52 867 (täglich ab 18:00 erreichbar)

  • Annika Lems und Christine Moderbacher erzählen mit ihrem Low-Budget Film die Geschichte zwei illegaler tunesischer Migranten
    foto: annika lems & christine moderbacher

    Annika Lems und Christine Moderbacher erzählen mit ihrem Low-Budget Film die Geschichte zwei illegaler tunesischer Migranten

  • Die Flucht über das Meer: Die Menschen nehmen lieber den Tod in Kauf, als ihre Perspektivenlosigkeit zu akzeptieren
    foto: annika lems & christine moderbacher

    Die Flucht über das Meer: Die Menschen nehmen lieber den Tod in Kauf, als ihre Perspektivenlosigkeit zu akzeptieren

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