"Die Masse der Anwender will nicht umlernen"

24. Februar 2009, 07:51
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Der renommierte Linux- Buchautor Michael Kofler im WebStandard- E-Mail- Interview über Windows 7 und Mac OS X

derstandard.at: Trotz den Erfolgen von Ubuntu, wird Linux kaum als Desktop-System eingesetzt. Warum tut sich Linux am Desktop schwer?

Michael Kofler: Die Masse der Anwender will nicht umlernen. Windows XP ist hier das Maß der Dinge. Linux am Desktop ist mittlerweile ebenso einfach zu bedienen. Es ist sicherer und billiger als Windows. Aber es hat sich gezeigt, dass das nicht reicht. Was fehlt, ist das entscheidende Plus, eine Art Killer-Merkmal, für das Millionen von Anwendern zu wechseln bereit wären.

derstandard.at: Was halten Sie von Windows 7?

Kofler:  Ich habe es noch nicht getestet -- insofern fällt mir ein endgültiges Urteil schwer. Ich fand Windows Vista (bis auf die UAC) eigentlich nicht so schlimm ... Windows 7 bietet nach allen bisherigen Berichten wenig mehr als ein Update. Ich sehen Windows 7 gewissermaßen als eine Art SP2 für Windows Vista. Insofern ist für mich weder der Unmut über Vista noch der aktuelle Windows-7-Hype nachvollziehbar.

In meinem Bekanntenkreis stelle ich einen zunehmenden Widerwillen gegen
*jede* Änderung fest. Viele Anwender von Windows XP und einer uralten Office-Version sind damit zufrieden. Sie wollen nach einem Rechnerkauf nicht umlernen. Das gilt für Linux ebenso wie für Vista, und das wird wohl auch für Windows 7 gelten.

derstandard.at: ... und was von Mac OS X?

Kofler:  Apple hat es offensichtlich geschafft, einen Mehrwert zu schaffen, der für viele Konsumenten so attraktiv ist, dass sie dafür einen höheren Preis und ein Umlernen in Kauf nehmen. Ich glaube nicht, dass es die einfachere Bedienung ist. Es ist viel mehr das spektakulär schöne und funktionelle Design/Layout. Jedes Apple-Gerät ist ein Gesamtkunstwerk, das Hard- und Software umfasst. Es ist ein Statussymbol.

Dass es Apple gelungen ist, den Marktanteil von Mac OS innerhalb weniger Jahre zu verdreifachen, kann man gar nicht hoch genug einschätzen und bewundern!

derstandard.at: Ihr nächstes Buch beschäftigt sich mit Ubuntu als Server-Betriebssystem. Warum sollte man Ubuntu am Server einsetzen?

Kofler:  Ich interpretiere diese Frage mal so: Warum Ubuntu, und nicht Debian, oder Red Hat, oder Novell? Für Ubuntu spricht der Preis (kostenlos), der garantierte Update-Zeitraum (5 Jahre lang!) und die zeitlich klar definierte Release-Politik (alle zwei Jahre eine neue LTS-Version, also eine Version mit extra langem Support). Das gibt vor allem im Vergleich zu Debian eine wesentlich bessere Planbarkeit.

Natürlich ist auch der Erfolg von Ubuntu am Desktop wichtig: Wer mit Ubuntu am Desktop zufrieden ist, wird auch bei Server-Aufgaben zuerst einmal Ubuntu ausprobieren. So ähnlich, wie der iPod Apple nun viele Notebook-Kunden beschert ...

derstandard.at: Wo steht Linux 2010? Welche spannenden Entwicklungen kommen auf uns zu?

Kofler:  Grundsätzlich glaube ich nicht, dass sich die Verbreitung von Linux fundamental ändern wird. Die aus meiner Sicht spannendste Perspektive bieten Netbooks: Bei der ersten Generation von Netbooks ist nach einem Überraschungserfolg für Linux letztlich alles beim Alten geblieben: Microsoft war gezwungen, den Herstellern Windows XP praktisch zu schenken -- und die Kunden haben Windows XP den Vorzug gegenüber Linux gegeben.

Spannend wird es, wenn vermutlich in ein paar Monaten eine ganz neue Generation von Netbooks auf den Markt kommt -- mit CPUs von Arm statt von Intel. Das verspricht noch einen Preissprung nach unten und eine wesentlich längere Betriebsdauer. Für Microsoft wird es wegen der geänderten Hardware plötzlich viel schwieriger, ein brauchbares Betriebssystem anzubieten. Speziell für Netbooks optimierte Arm-kompatible Linux-Distributionen sind dagegen bereits fertig
(Xandros) bzw. in Arbeit (z.B. Ubuntu). Kurz und gut: eine neue Chance für Linux, zu beweisen, was es kann.

Eine weitere Linux-Perspektive tut sich mit Android (eine Art Linux-Distribution für das 'Google-Handy') am Mobiltelefonmarkt auf. Es ist momentan aber unmöglich zu sagen, wie erfolgreich dieses Konzept sein wird. (sum)

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