Gastbeitrag

19. Februar 2009, 10:48
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Zivilcourage, meint Stadtgeschichten-Gastautor K, sei eine schwierige Sache. Darum hat er sogar bei den Wiener Linien nach Verhaltenstipps gefragt.

„sehr geehrter r,

es ist soweit, ich muss einfach meinen senf dazu geben: die heutige stadtgeschichte thematisiert ein problem mit dem ich mich schon länger beschäftige. so sehr, dass ich vor ca 6 monaten damit bei den wr. linien vorstellig geworden bin.

vorauszuschicken ist folgendes: ich bin mit 105 kg bei 185 cm doch schon recht stattlich und gegenüber mitmenschen (fremden wie bekannten) scheint es, habe ich in der regel eine natürliche autorität (vulgo: ich kann sehr streng schauen). die letzten paar jahre habe ich in einem land gelebt, in dem es illegal ist sich in der öffentlichkeit betrunken zu zeigen, war es also nicht gewohnt auf pöblende betrunkene zu treffen. und dann übersiedelte ich vor einem jahr wieder nach wien.

binnen kürzester zeit hatte ich drei erlebnisse bei denen u-bahn fahrgäste von anderen "fahrgästen" ernsthaft bedroht bzw. körperlich misshandelt wurden. ich selber war das opfer bei ähnlichen vorfällen während meiner jugendzeit, kann daher ganz genau nachvollziehen wie sehr man sich als opfer wünscht jemand würde einem zur Hilfe eilen. plötzlich bin ich in einer anderen rolle. der des zeugen eines solchen vorfalls, groß und stark, als jurist mit den voraussetzungen von notwehr und nothilfe wohl vertraut. und was mache ich? Gar nichts! sitze da wie das kaninchen vor der schlange und bin gelähmt vor schreck. und wirklich unzufrieden mit mir selber ob meines verhaltens.

Richter

tage später diskutiere ich das erlebte mit einem befreundeten richter und einer anwältin. frage die, die es von berufs wegen am besten wissen sollten wie man sich in so einer situation verhält. die überraschende antwort: sie wissen es auch nicht. halten es aber schon für sehr gefährlich einzugreifen und würden das selber eher nicht tun. ich will wissen ob es denn gerechtfertigt sei, die notbremse zu ziehen, denn dann würde der überraschte täter vom opfer ablassen. nein, die frage können sie mir auch nicht beantworten.

also fragen wir diejenigen die es mit sicherheit wissen, wie man sich als zeuge von übergriffen in der u-bahn verhält: die wiener linien. ich schreibe ein email, erkläre das dilemma und die ratlosigkeit und bitte um auskunft wie man sich dem nach ansicht der verkehrsbetriebe zu verhalten hat. einige tage später klingelt mein telefon: ein herr von den wiener linien. er hat mein email bekommen. bedankt sich das man zu dem thema anfragt.

Der Rat

sein rat: ja nicht dazwischen gehen, dies sei zu gefährlich denn man könne ja nicht wissen ob und welche art waffen der täter bei sich hat und zu benutzen gedenkt. aber: in jeder u-bahn ganitur ist ein notrufknopf mit dem man eine sprechverbindung zum fahrer aufbauen kann, der fahrer kann dann die polizei anfordern. das ist nach ansicht der wiener linien das ideale vorgehen.

ob ich das als opfer auch so sehen würde? naja, aber wenigstens hat irgendjemand irgendwas getan und meine unangenehme situation zu kenntnis genommen. ich für meinen teil arbeite jedenfalls weiterhin an meiner zivilcourage.

beste grüße

k"

 (Thomas Rottenberg/derStandard.at, 19. Februar 2009)

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