"Viele können sich das nicht mehr vorstellen"

20. Februar 2009, 14:30
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Hochschulseelsorger Schlagnitweit über das Image der Kirche, Burschenschaften und einsame Priester in Single-Haushalten

Immer weniger junge Männer entscheiden sich für den Priesterberuf. "Nicht nur weil sie sexuell vitale Burschen sind, sondern weil sie nicht einsam leben wollen", sagt Markus Schlagnitweit, Hochschulseelsorger und Direktor der Katholischen Sozialakademie. Doch die Gesellschaft sei für Frauen als Priesterinnen und verheiratete Priester bereit. Mit derStandard.at sprach er über die Aufgaben der  Hochschulseelsorge, Studentenverbindungen und ein "grobes Versagen der Universitäts-Politik". Die Fragen stellte Katrin Burgstaller.

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derStandard.at: Wie ist die Hochschulseelorge in Österreich entstanden?

Schlagnitweit: Die erste Hochschulgemeinde wurde in Wien gegründet und zwar unmittelbar nach dem Krieg. Heute gibt es in jeder Universitätsstadt eine Hochschulgemeinde. Während des zweiten Weltkrieges hat der Wiener Prälat Karl Strobl katholische Studierende um sich gesammelt. Diese Gruppe war gemeinsam mit kommunistischen und sozialistischen Studenten maßgeblich daran beteiligt, dass die Uni bereits im Frühjahr 1945 wieder ihren Betrieb aufgenommen hat.

Studierende gehörten damals zu den notleidenden Gruppen. Die Gruppe um Karl Strobl hat mit gespendeten Gemüse aus dem Marchfeld so etwas wie die erste Mensa betreiben, wo die StudentInnen zumindest einmal am Tag zu eine warme Mahlzeit erhielten.

derStandard.at: Was tut die Hochschulseelsorge für die Studierenden?

Schlagnitweit: Zum einen gibt es das klassische kirchliche Angebot wie Gottesdienste, Bibelrunden und Gesprächskreise. Aber es gibt auch kulturelle Aktivitäten wie Chöre und Theatergruppen, Feste und Bildungsreisen. Auch die Studierenden selbst bringen sich aktiv ein, etwa mit sozial-karitativen Aktionen.

Zudem wollen wir kritisches Denken fördern. Die Universitäten werden immer mehr zu "Dienstleistern" für die Wirtschaft, die qualifizierte Arbeitskräfte für die Unternehmen hervorbringen sollen. Immer weniger Wert wird gelegt auf Menschen, die lernen, kritisch ihre Verantwortung in der Gesellschaft und politische Fragen des gesellschaftlichen Zusammenlebens zu reflektieren. Das halte ich für ein grobes Versagen der Universitäts-Politik.

derStandard.at: Und welche spezifischen Bedürfnisse, die in den Bereich der Seelsorge fallen, sehen Sie bei den StudentInnen?

Schlagnitweit: Es geht letztlich darum, den jungen Menschen in einer spezifischen Lebenssituation, nämlich in dieser Übergangssituation in der sie sich von zu Hause ablösen und ihre eigene Position in der Gesellschaft finden müssen, zu begleiten. Viele brauchen auch Hilfe dabei, neuen Anschluss und Freunde zu finden. Oft kommen auch StudentInnen aus Entwicklungsländern zu mir, die große soziale Probleme haben. Da versuchen wir auch, materiell und beratend zu unterstützen.

Zu den schönen Aufgaben der Priester in den Hochschulgemeinden gehört auch die Begleitung junger AkademikerInnen bei ihren ersten Schritten in ein eigenständiges Familienleben, vor allem im Kontext der Vorbereitung und Feier von Taufen und Trauungen .

derStandard.at: Sind Hochschulgemeinden so etwas wie Studentenverbindungen?

Schlagnitweit: Nein, die Hochschulgemeinden haben einen ganz anderen Zugang. Es wird ausdrücklich nicht das Ziel verfolgt, Verbindungen für eine kommende Karriere aufzubauen, zudem sind Frauen genauso willkommen wie Männer.

derStandard.at: Welche gesellschaftliche Relevanz hat die Hochschülerschaft? Und wenn Sie kritisches Potenzial fördern wollen, warum äußern Sie sich nicht auch zu kirchenpolitischen Fragen kritisch in der Öffentlichkeit?

Schlagnitweit: Die unmittelbare politische Betätigung ist nicht das vorrangige Ziel der Hochschulgemeinden. Das ist eher eine Aufgabe der Katholischen Hochschuljugend, die eine Kerngruppe innerhalb der Hochschulgemeinden darstellt und sich auch immer wieder öffentlich äußert. Wir haben tatsächlich das Problem, dass in der Öffentlichkeit ein Bild von Kirche herrscht, das Menschen zum Schluss bringt, Kirche ist nichts für sie. Dieses Bild wird durchaus durch kircheninterne Äußerungen gefördert, wie zuletzt. Das Problem ist, dass solche Äußerungen mehr mediale Aufmerksamkeit erhalten, als positive Berichte über die hervorragende Arbeit der Gemeinden oder konstruktive Beiträge zum öffentlichen Diskurs.

derStandard.at: Derzeit hat die katholische Kirche kein gutes Image. Wie geht es eigentlich den jungen Priesteramtskandidaten damit, dass ihre Kirche jetzt wieder so konservativ dasteht?

Schlagnitweit: Davon gibt es kaum noch welche, im Linzer Priesterseminar sind es vielleicht zehn. Die Frage, ob eher konservativ oder eher liberal, ist gar nicht so sehr eine Frage des Alters, sondern ist abhängig von der Einstellung zu theologischen Fragen. Manchmal habe ich den Eindruck, es gehen heute vor allem nur noch solche in ein Seminar, die mit dieser konservativen Linie können. Die kritischen Geister finden heute kaum noch den Weg ins Seminar.

derStandard.at: Warum gibt es so wenig junge Leute, die Priester werden wollen?

Schlagnitweit:  Es hat allgemein die Bereitschaft abgenommen, verbindliche Lebensentscheidungen zu treffen. Der Priesterberuf ist nicht nur in Hinblick auf den Zölibat verbindlich; er ist zumindest in der gegenwärtigen Form ein Beruf für das ganze Leben.

Viele können sich auch den Zölibat nicht mehr vorstellen. Und wir könnten vermutlich mindestens doppelt so viele Priester sein, wenn wir auch Frauen weihen würden. Ich kenne sehr viele Theologinnen, die sich bestens als Priesterinnen eignen würden. Ich treffe im Durchschnitt pro Jahr zwei bis drei junge Leute, die sagen, eigentlich wäre das ihr Traumberuf. Aber zwei Drittel dieser jungen Leute sind Frauen. Der Rest sind junge Männer, die nicht zölibatär leben wollen.

Nicht nur weil sie sexuell vitale Burschen sind, sondern weil sie nicht einsam leben wollen. Ich bin davon ausgegangen, als ich mich für den Priesterberuf entschied, dass ich einmal in einer Hausgemeinschaft, vielleicht mit anderen Priestern oder einer Messner- oder Pastoralassistentenfamilie leben werde. Aufgrund der immer dünner werdenden Personaldecke leben die meisten von uns heute aber praktisch alleine, oft schon "zugleich" in mehreren Pfarrrhöfen, jedenfalls in einem unfreiwilligen Single-Haushalt. Es fehlt einem ein Gegenüber.

derStandard.at: Wann wird der Pflichtzölibat abgeschafft, was schätzen Sie?

Schlagnitweit: Mir wäre jeder Tag früher lieber. Anfang der 70er Jahre war die Kirche ganz nah dran, weltweit den Pflichtzölibat aufzuheben.

derStandard.at: Ist die Gesellschaft für Frauen als Priesterinnen und verheiratete Priester bereit?

Schlagnitweit: Bei uns auf alle Fälle. Nicht alle Menschen, aber das Gros sehr wohl. (Katrin Burgstaller/derStandard.at, 19. Feber 2009)

 

Zur Person

Markus Schlagnitweit, geboren 1962, ist Hochschulseelsorger in Linz sowie Direktor der Katholischen Sozialakademie Österreichs.

  • Markus Schlagnitweit: "Die kritischen Geister finden heute kaum noch den Weg ins Seminar."
    foto: derstandard.at/burgstaller

    Markus Schlagnitweit: "Die kritischen Geister finden heute kaum noch den Weg ins Seminar."

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