Ormož - Jeruzalem

19. Februar 2009, 16:53
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Für einen kurzen Moment atmet Markus Zohner den Frühling ein. In Ormož trifft er auf archäologische Schätze, in Jeruzalem auf extensiven Weinbau

Aus Ptuj wegzukommen war einfacher, als es zu erreichen, auch wenn es, nach zwei Tagen Rast in diesem bezaubernden Städtchen, wieder schwer wurde, aufzubrechen. Es war kalt, der Schnee war gefroren – doch es war sonnig, und der Weg an der Drawa und dann am Kanal HE Formin entlang versprach malerisch zu werden. Die Wege am Flussdamm und später am Deich des Kanals waren nicht geräumt.

Anstrengendes Gehen durch harschigen Schnee, kein Mensch weit und breit, ab und zu ein Fischreiher oder ein dicker Hase, der rechtzeitig die Flucht ergreift. Gegen Nachmittag begann dann von Kroatien her – die Grenze verläuft hier am Kanal entlang und man muss aufpassen, die richtige Abzweigung nach Ormož zu finden, sonst riskiert man Schererein mit kroatischen Zöllnern – ein warmer Wind zu wehen. Es war viel zu früh für den Frühling, und doch glaubte man, ihn schon kurz einatmen zu können.

Ormož ist vor allem archäologisch interessant. Die verschiedenen Funde reihen die Stadt in die Gruppe der größten mitteleuropäischen Fundorte der Vorgeschichte ein. Umfangreiche Funde belegen eine Besiedlung des Gebietes bereits in der Kupferzeit (2.700-1.800 vor Christus) und die Siedlung in der Bronzezeit (1.000-700 vor Christus) war so groß, dass sie das Gebiet der ganzen heutigen Stadt Ormož umfasste.

foto: zohner
Archäologische Schätze, heute nur noch unter dem frischen Schnee begraben. Foto: Zohner

Später haben hier die Römer mit der Bernsteinstraße den römischen Stützpunkt Curta errichtet. Wie die anderen Städte blühte auch Curta durch seine Lage an der wichtigsten römischen Nord-Süd-Handelsstraße auf.

Ich sollte Jeruzalem noch vor meinem Wanderkollegen Daniel erreichen, den ich zu Beginn meiner Reise in Italien getroffen hatte und der ins gelobte Land pilgerte. Mein Jeruzalem lag unverhofft näher: ein extensives Weinbaugebiet im Osten Sloweniens, das ich glücklicherweise als Alternative zum Grenzübertritt nach Kroatien und den dortigen Schnellstraßen in Richtung Norden gewählt hatte.

foto: zohner
Winterweinlese in den Hügeln bei Jeruzalem. Foto: Zohner

Malerische, verkehrslose Sträßchen, die sich die Hügel hinauf- und hinabschlängelten, endlose Weinberge, an denen Furmint, Rheinriesling, Welschriesling, Chardonnay, Sauvignon, Weiß-, Grau- und Blauburgunder, Traminer, Gelber Muskateller, Muskat Ottonel, Rivaner, Kerner und Ranina gedeihen. Eine wahre Symphonie in weiß, jetzt allerdings im braunen, kahlen, knorrigen Winterschlaf. Wieder wehten aus Süden warme Luftschwälle herüber, die Sonne schickte wärmende Strahlen vom blauen Himmel. Traumhafte Sicht über die pittoreske Landschaft. Ich wanderte mutterseelenallein über die Hügel, Stunden um Stunden, und war glücklich.

"Ich glaube, ich habe mich in Slowenien verliebt!", schreibe ich aus Jeruzalem an Natasa Zavolovsek, Leiterin des großen Theaterfestivals EXODOS in Ljubljana, die ich jetzt dort nach vielen Jahren wiedergesehen hatte. Kurz darauf kommt ihre Antwort: "Du hast Dich JETZT in Slowenien verliebt? Im Winter? Wer weiß, was dann mit Dir passiert, wenn Du im Frühjahr, Sommer oder Herbst wiederkommst!" Nicht auszudenken ... (Markus Zohner)

  • Masken aus Ptuj.
    foto: zohner

    Masken aus Ptuj.

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