Der Kursrutsch und der reale Wert

18. Februar 2009, 18:54
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Die Osteuropa-Panik führt zu massiven Kursrutschen bei Finanzwerten

Die Osteuropa-Panik führt zu massiven Kursrutschen bei Finanzwerten. Kann ein Kurs auf null fallen, und was bedeutet das Absinken der Marktkapitalisierung? Antworten aus Theorie und Praxis.

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Frage: Kann der Wert einer Aktie auf null fallen?

Antwort: Theoretisch ist das möglich, wobei der Market Maker (sein Job ist es, An- und Verkaufsgebote zu stellen, um die Liquidität einer Aktie zu gewährleisten) versuchen wird, den Kurs zu stützen. Fällt eine Aktie auf null, hat das Papier an der Börse keinen Wert mehr. Das heißt aber nicht, dass das Unternehmen tatsächlich "nichts mehr wert" ist. Diese Fälle gibt es auch, etwa wenn ein Unternehmen im Konkurs ist. Das Papier wird dann meist von der Börse genommen.

Frage: Derzeit verlieren viele Unternehmen an der Börse massiv an Wert, ihre Marktkapitalisierung sinkt stark. Was bedeutet das?

Antwort: Die Marktkapitalisierung beschreibt den Börsenwert eines Unternehmens. Die Berechnung erfolgt durch die Multiplikation der Aktien mit dem aktuellen Kurs. Der Wert ist damit immer nur ein theoretischer und entspricht nicht dem wahren oder inneren Wert des Unternehmens. Für viele Investoren ist die Marktkapitalisierung aber eine wichtige Größe. So haben etwa Fondsmanager oft Investment-Vorgaben, die sich an der Marktkapitalisierung orientieren. Wird mit dem Fonds in Klein- und Mittelbetriebe investiert, könnte es Vorgabe sein, dass Unternehmen, deren Marktkapitalisierung beispielsweise größer ist als drei Milliarden Euro, tabu sind.

Je geringer die Marktkapitalisierung, umso schwieriger wird es aber für ein Unternehmen, frisches Geld am Kapitalmarkt zu beschaffen. So gesehen ist dieser Wert wiederum extrem wichtig.

Frage: Vor allem Finanzaktien verlieren jetzt an Wert. Wird das Osteuropa-Risiko überbewertet?

Antwort: Viele Investoren, die von Osteuropa weit weg sitzen, unterscheiden die Länder in dieser Region nicht, heißt es. Sie wollen ihr "Ost-Risiko" minimieren, das passiert dann oft im großen Stil. Kommt es zu einer Verkaufswelle, ist am kleinen Wiener Kapitalmarkt oft zu wenig Kapitalkraft, um die Verkäufe aufzunehmen.

Frage: Was wurde aus dem Verbot für Short-Selling auf Finanzwerte?

Antwort: Das Verbot ungedeckter Leerverkäufe wurde in Österreich bis Ende April verlängert. Ob es dazu geführt hat, dass heimische Finanz-Aktien nicht noch weiter abgesackt sind, kann nicht gesagt werden. "Die Mär, dass Short-Seller die Kurse ruiniert hätten, ist zerstört", sagt CA Cheuvreux-Chefanalyst Alfred Reisenberger. So hat etwa die Erste-Bank-Aktie seit Anfang 2009 rund die Hälfte verloren, also zu einem Zeitpunkt, als Leerverkäufe bereits verboten waren.

Frage: Die Folge der Banken-Troubles ist oft der Einstieg des Staates. Wie viele Institute sind betroffen?

Antwort: Jüngstes Beispiel ist die Verstaatlichung der deutschen Hypo Real Estate (siehe oben). Weltweit hat es viele Institute getroffen - darunter in Österreich die Kommunalkredit, in Großbritannien Northern Rock, die Royal Bank of Scotland wurde teilverstaatlicht. In den USA sind Fannie Mae und Freddie Mac in Staatshand. Auch Kasachstan hat zwei Banken verstaatlicht. (bpf, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 19.02.2009)

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