Ostmedien im Visier

18. Februar 2009, 18:30
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Der lange Weg zum freien und unabhängigen Qualitätsjournalismus bleibt voller Dornen

Der legendäre amerikanische Kommentator Walter Lippman (1889-1974) schrieb von der hohen Berufung des Journalisten, der für die Information der Massen - einer Tätigkeit von größter Wichtigkeit in einer Demokratie - verantwortlich sei. Im Zeitalter des Internets, der Blogger, der Satelliten- und Kabeltechnologie und der grenzüberschreitenden Medienkonzerne ist von dieser Ansicht wenig übrig geblieben.

Trotzdem leben die Journalisten in mehr oder weniger autoritär regierten Ländern sehr gefährlich. UN-Generalsekretär Ban Ki-moon rief am internationalen Tag der Pressefreiheit dazu auf, Anschläge auf Journalisten nachdrücklich zu verfolgen und entschieden zu bestrafen. In Europa führt nach wie vor Russland - mit 21 Opfern zwischen 2000 und 2007 - die Liste der unaufgeklärten Morde an Journalisten an. Weltweite Empörung löste vor allem 2006 der bis heute nicht wirklich aufgeklärte Mord an der mutigen regierungskritischen Journalistin der Zeitung Nowaja Gaseta, Anna Politkowskaja, aus.

Der russische Präsident Medwedew geißelte wiederholt den "Rechtsnihilismus" und versicherte bei einem öffentlichen Treffen im Juni 2008 in Berlin, dass alles getan werde, um die verbrecherischen Attentate aufzuklären.

Seit dieser Erklärung wurden aber bereits neue Mordanschläge und Überfälle auf Journalisten und Menschrechtsaktivisten verübt. Vor einigen Monaten hatten Unbekannte den Reporter Michail Beketow ins Koma geprügelt, nachdem er den Bau einer Schnellstraße durch einen Moskauer Stadtwald kritisiert hatte. Der kürzlich am helllichten Tag im Zentrum Moskau begangene Doppelmord an dem Menschenrechtsanwalt Stanislaw Markelow und an der ihn zufällig begleitenden Nowaja Gaseta-Reporterin Anastassija Baburowa hat internationale Entrüstung hervorgerufen. Insgesamt wurden bereits fünf Journalisten der Nowaja Gaseta ermordet, und Chefredakteur Muratow macht kein Hehl aus seiner Überzeugung: "Die politischen Machthaber sind zuständig für die moralische Verfassung einer Gesellschaft."

Der große Kolumnist der New York Times, James Reston (1909-1995), schrieb in seinen Memoiren: Für den modernen Journalismus sei es nicht ausreichend, nur zu berichten, wer, was, wann, wo getan habe, man müsse den Lesern auch mitteilen, warum das geschah. Es gibt entschlossene Zeitungen und Sender, die sich mit mächtigen Oligarchen und Politikern anlegen, nicht nur in Russland, sondern auch in Weißrussland und der Ukraine, in Kasachstan und Aserbaidschan, in Bulgarien und Rumänien. Sie enthüllen die wuchernde Korruption, den Rassenhass und die Wirtschaftsverbrechen, in die auch bekannte Politiker verwickelt waren.

Selbst in Tschechien wollen Regierung und Opposition den Zugang zu Informationen durch die Androhung von hohen Haft- und Geldstrafen unter Hinweis auf den Schutz privater Daten einschränken. In Ungarn wiederum finanziert ein Multimillionär in seinem Blatt und in seinem TV-Sender rassistische Hetzkampagnen gegen die Roma und kaum verhüllte antisemitische Stimmungsmache. Der lange Weg zum freien und unabhängigen Qualitätsjournalismus bleibt voller Dornen. (Paul Lendvai/DER STANDARD, Printausgabe, 19.2.2009)

 

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