Ein Kämpfer, der nicht stumm geblieben wäre

  • "Hi, I'm Harvey Milk and I'm here to recruit you": der formidable Sean Penn (Mitte) als schwuler US-Stadtpolitiker mit überregionaler und andauernder Strahlkraft in Gus Van Sants "Milk". 
 
 
    foto: constantin

    "Hi, I'm Harvey Milk and I'm here to recruit you": der formidable Sean Penn (Mitte) als schwuler US-Stadtpolitiker mit überregionaler und andauernder Strahlkraft in Gus Van Sants "Milk".

     

     

  • Herzensprojekt, das Generationen verbindet: Regisseur Gus Van Sant (li.) und Drehbuchautor Dustin Lance Black.
 
 
    foto: apa/epa

    Herzensprojekt, das Generationen verbindet: Regisseur Gus Van Sant (li.) und Drehbuchautor Dustin Lance Black.

     

     

Gus Van Sant erinnert in "Milk" energievoll und ergreifend an den legendären Schwulenaktivisten und Stadtpolitiker Harvey Milk. Sean Penn brilliert in der Titelrolle des achtfach Oscar-nominierten Films

Wien - Die großen starbesetzten US-Filme dieses Jahrzehnts, die männliche Homosexualität thematisierten, waren Melodramen: Todd Haynes' Far from Heaven etwa und vor allem Ang Lees Brokeback Mountain. Beide erzählten von der Beziehung zwischen Männern als gesellschaftlich verunmöglichte Verbindung.

Sie verknüpften Liebe, Begehren, Lust untrennbar mit Schuldgefühlen. Plausibel wurde dies per Verankerung der Geschichten in einer restriktiven Vergangenheit oder einem entsprechenden Milieu. Jake Gyllenhaal und Heath Ledger durften einander als Cowboys zuerst im Halbschatten eines Zelts körperlich näherkommen. Ihre innige Umarmung auf einer Hintertreppe im Tageslicht war innerhalb der Erzählung Skandalon und Scheidungsgrund.

In Milk dagegen läuft dem New Yorker Versicherungsangestellten Harvey Milk (Sean Penn) an seinem 40. Geburtstag im Jahr 1970 auf dem Abgang zur U-Bahn ein junger Mann (James Franco) über den Weg. Es ist nach dem Sommer der Liebe und Jahre vor dem Auftreten von Aids. Ein kurzes Wortgeplänkel, dann liegen einander die beiden in den Armen. Es folgt umstandslos ein offensiver, herrlich unverschämter Leinwandkuss - vielleicht sogar der erste seiner Art abseits von Independent- und Queer-Cinema-Produktionen.

Dabei wird dieses Bild auch in Milk gerahmt von einer Tragödie. Der Film beschreibt die letzten acht Lebensjahre des Titelhelden: Harvey Milk, "gay activist" und erster offen schwuler Stadtrat in San Francisco, der am 27. November 1978 ebenso wie der Bürgermeister vom ehemaligen Stadtpolitiker Dan White erschossen wurde.

Milk entfaltet sich folglich als Rückblende, die immer schon um den Tod ihres Protagonisten weiß. Der Film, den der 34-jährige Dustin Lance Black auf Basis umfangreicher Recherchen und Interviews geschrieben und den Gus Van Sant inszeniert hat, ist trotzdem kein Melo. Er feiert vielmehr Lebendigkeit, Optimismus, den kollektiven Kampf um Bürgerrechte. Damit ist er auch im Einklang mit Milks politischem Programm: sich outen, seine Anliegen selbst repräsentieren und sich lautstark über Diskriminierung empören - Dinge, an die, so Dustin Lance Black im Rahmen eines Gesprächs, man nicht genug erinnern könne.

Milk ist also im mehrfachen (und besten) Sinne ein Kampagnenfilm. Er begleitet die Kampagnen Milks auf dessen Weg in den Stadtrat und gegen die homophobe "Proposition 6", mit der konservative Lobbys und Politiker ein Berufsverbot für schwule und lesbische Lehrer durchsetzen wollten. Er unterhält eine implizite Beziehung zum Obama-Wahlkampf - nicht nur, weil der Begriff "Hoffnung" in Milks Reden eine wichtige Rolle spielte. Und er hat selbst eine Mission.

Van Sant, der 1992 vorübergehend für ein Spielfilmprojekt von Oliver Stone nach Randy Shilts' Buch The Mayor of Castro Street: The Life and Times of Harvey Milk engagiert war, meint heute: "Es ist inzwischen aus historischen Gründen wichtig, diese Geschichte zu erzählen. In den 90ern war das Wissen um Harvey präsent, der Film wäre mehr eine Feier von Harvey geworden. Heute hat es anderes Gewicht: Die Leute haben angefangen, ihn zu vergessen."

Der inzwischen 56-jährige, der nicht zuletzt aufgrund des Vorbilds von Milk schon lange kein Hehl aus seiner eigenen Homosexualität macht, war mit seinen Arbeiten nur bedingt Teil des Queer Cinema: "Ich weiß nicht, ob es eine bewusste Absicht gab - dass ich mit einem Harvey-Milk-Film einen Beitrag zum Queer Cinema leisten würde. Aber natürlich war die Überlegung nicht ganz fern. Ich wurde früher für meine Zurückhaltung kritisiert."

Energetisches Ensemble

Mit Gerry, Elephant, Last Days und Paranoid Park hat van Sant ab 2002 filmisch noch einmal ganz eigenwillige Wege beschritten. Bei Milk hat er sich für einen konventionelleren Erzählstil entschieden. Das tut der Qualität des Films jedoch keinen Abbruch. Zumal er ein energetisches Ensemble hat - Emile Hirsch, Diego Luna, Josh Brolin, u. a. - und in Sean Penn einen Hauptdarsteller, der sich seine Figur in beeindruckender Weise anverwandelt. Eine Leistung, an der denn auch verschiedene Nominierungs-Gremien nicht vorbei konnten: Etliche Preise hat Penn bereits erhalten. Kommenden Sonntag wird sich weisen, ob er auch den Oscar bekommt.

Welche politische Rolle Milk, wäre er nicht ermordet worden, später gespielt hätte? Black meint, "er wäre Aids ganz anders entgegengetreten - denn es war ja vor allem das Schweigen, das quasi eine ganze Generation umgebracht hat. Er wäre nicht stumm geblieben. Selbst junge politisierte Schwule haben Harvey heute zum Teil vergessen, das ist bedenklich. Schließlich hat er einen Stil und eine Strategie des politischen Kampfes entwickelt, die sehr erfolgreich waren. Wir hätten vergangenen November auch in der Lage sein müssen 'Proposition 8' (gegen die Homo-Ehe, Anm.) zu verhindern - aber es hat nicht geklappt. Es geht also auch um eine Aufforderung an die Gay Community: 'Hey, zurück an die Arbeit!'" (Isabella Reicher / DER STANDARD, Printausgabe, 19.2.2009)

Ab Freitag, 20.2.,  im Kino

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