Krawallnächte im Karibikparadies

18. Februar 2009, 17:39
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Gewaltsame Ausschreitungen und ein wochenlanger Generalstreik legen die französischen Karibikinseln lahm

Erstmals kam dabei ein Mensch ums Leben. Die Inselbewohner fordern mehr Geld von Paris.

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"Pwofitasyon": Auch Franzosen müssen das Wort mehrmals laut sagen, um seinen Sinn zu begreifen. Der Begriff ist kreolisch verbrämtes Französisch und meint "Profitation" - das heißt Ausbeutung. Dagegen kämpfen seit Wochen viele der knapp 500.000 Einwohner von Guadeloupe.

Ein Streikkomitee namens "Lyiannaj kont pwofitasyon" (Kampf gegen die Ausbeutung) legt das Leben des französischen Übersee-Departements lahm, um eine Anhebung des Mindestgehalts um 200 Euro sowie niedrigere Benzin- und Nahrungsmittelpreise zu verlangen. Schulen, Supermärkte, Tankstellen und der Flughafen der größte Stadt Pointe-à-Pitre sind geschlossen. In vielen Orten kam es in der Nacht auf Mittwoch zu schweren Zusammenstößen. Ein Gewerkschafter starb in einem Auto durch Schüsse vermummter Jugendlicher, die auf Polizisten zielten. Mehrere Personen wurden verletzt, die Sachschäden sind beträchtlich.

Die Haupteinnahmequelle der Insel, der Tourismus, ist hart getroffen: Zwei Drittel der Hotelbetten sind leer, und der Club Méditerranée hat sein Feriendorf vor einer Woche dichtgemacht. Die wirtschaftlichen Probleme der "Dom/Rom" , wie die französischen Überseedepartements und -regionen genannt werden, sind nicht neu. Frankreich pumpt jedes Jahr sieben Milliarden Euro in diese über die ganze Welt verstreuten Besitzungen aus der Kolonialzeit.

Der aus Paris gesandte Inselpräfekt hat ähnliche Kompetenzen wie früher ein Gouverneur; er bestimmt zum Beispiel die Benzinpreise in Absprache mit dem französischen Erdölkonzern Total, dessen Filiale Sara auf Guadeloupe ein Monopol genießt. Diese Preise waren 2008 drastisch gestiegen, seit dem Ölpreis-Einbruch aber überhaupt nicht gesunken. Einige verdienen viel Geld damit - was auf Guadeloupe soviel heißt wie "manger cochon" - "Schweinefleisch essen".

Die vorwiegend schwarze Unterschicht, in der die Arbeitslosigkeit bis zu 30 Prozent erreicht, lebt derweil in bitterer Armut oder von der Sozialhilfe. Denn die Nahrungspreise in den Supermärkten sind fast so hoch wie in Paris - und das können nur die aus Frankreich angereisten Beamten dank ihren hohen Inselzulagen zahlen.

Proteste weiten sich aus

Die Milliarden aus dem Mutterland haben bisher den sozialen Frieden garantiert. Doch jetzt greifen die Lohnforderungen auch auf die Nachbarinsel Martinique über. Dort gingen am Montag 10.000 Menschen auf die Straße. In Französisch-Guayana an der Nordküste Südamerikas flackerten die Benzinpreis-Proteste schon im Dezember auf. Einen Generalstreik planen Anfang März auch die Gewerkschaften auf La Réunion im Indischen Ozean, nicht weit von Madagaskar. Nur in Französisch-Polynesien im Südpazifik herrscht bisher Ruhe.

In Paris befürchtet die Zentralregierung aber vor allem ein Übergreifen der Proteste auf das "Festland", wo die Linke ebenfalls höhere Löhne gegen die Wirtschaftskrise verlangt. Nur so erklärt sich das höchst ungeschickte Verhalten von Überseeminister Yves Jégo. Er verschlief den Beginn des Konfliktes, um dann mit leeren Händen nach Pointe-à-Pitre zu reisen. Dort posaunte er, er werde so lange bleiben, bis der Streik zu Ende sei; vor einer Woche reiste er aber überhastet ab, um nach Paris zu rapportieren. Nicolas Sarkozy, der gerne die abgelegensten Landeswinkel mit den TV-Kameras im Schlepptau bereist, vergaß bei einem fast zweistündigen Fernsehinterview schlicht, die Sozialprobleme auf Guadeloupe zu erwähnen.

Das brachte die Antillesen erst richtig in Rage. Zur Wochenmitte gingen auf Guadeloupe an die 60.000 Leute auf die Straße - mehr als ein Zehntel der Bevölkerung. "Das wäre, wie wenn in Paris zehn Millionen demonstriert hätten", meinte ein Gewerkschafter. Und die Parolen waren nicht nur wirtschaftlicher Natur. Sie richteten sich auch gegen die "Békés", die weiße Oberschicht aus Unternehmern und Staatsbeamten.

"Die Békés haben die Mentalität der Sklavenhalter bewahrt", meinte die Forscherin Patricia Braflan-Trobo, Autorin des Buches "Sozialkonflikte auf Guadeloupe" . Wie zum Beleg erklärte Alain Huygues-Despointes, ein Hauptvertreter der weißen Inselelite, die Sklaverei habe auch "ihre guten Seiten" gehabt; wenn er gemischte Ehen zwischen Schwarzen und Weißen sehe, vermisse er die "Harmonie". In Paris kündigte Sarkozy am Mittwoch Steuererleichterungen und Arbeitslosenhilfen für die Franzosen im Umfang von bis zu 2,65 Milliarden Euro an. Über Guadeloupe sagte er vorerst nichts. (Stefan Brändle aus Paris/DER STANDARD, Printausgabe, 19.2.2009)

 

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    Jugendliche in Sainte-Rose auf Guadeloupe warfen Steine auf Gendarmen und bauten Barrikaden mit umgestürzten Autos. In der Hauptstadt Pointe-à-Pitre schossen Jugendliche einen Gewerkschafter an. Er starb später.

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