Heimspiel für Obama in Kanada

18. Februar 2009, 17:19
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Erste Auslandsreise: Der neue US-Präsident ist bei den Nachbarn im Norden beliebt

Beim Besuch des US-amerikanischen Präsidenten Barack Obama in Kanada am Donnerstag stehen weder offizielle Reden auf dem Plan noch ein Bad in der Menge und auch keine First Lady. Es handelt sich nicht um eine Staatsvisite, sondern um einen Arbeitsbesuch, der nur rund sechs Stunden dauert. Aber die Kanadier sind trotzdem hoch erfreut, dass der erste Auslandsbesuch Obamas, der im starken Gegensatz zum früheren US-Präsidenten George W. Bush in Kanada ungemein beliebt ist, ihnen gilt.

Bush hatte mit einer langjährigen Tradition gebrochen und war nach seinem Amtsantritt zuerst nach Mexiko gereist. Obama, der ohne seine Frau Michelle am Morgen in Ottawa landet und dann in der Limousine zum Parlamentsgebäude fährt, wird mit Premierminister Stephen Harper zu Mittag essen. Ein Gesprächspunkt zwischen den beiden Politikern wird Afghanistan sein: Kanada will seine Kampftruppen Ende 2011 von dort abziehen.

Zwei Tage vor seinem Besuch hatte Obama in einem Interview mit dem kanadischen Fernsehsender CBC aber klargemacht, dass er in Ottawa nicht mit einer spezifischen Aufforderung an Harper herantreten werde, bevor seine Administration nicht eine umfassende Strategie für Afghanistan vorgelegt hat. Gleichwohl schuf Obama mit seiner ersten größeren militärischen Entscheidung am Dienstag, 17.000 zusätzliche Soldaten nach Afghanistan zu entsenden, eine neue Situation für die Bündnispartner in der Nato.

Streitthema Ölsand

Harper und Obama beschäftigen sich am Donnerstag aber hauptsächlich mit wirtschaftlichen Themen. Kanada ist Amerikas größter Handelspartner und auch der größte Lieferant von Erdöl. Harper fürchtet, dass sich Obamas neue Energiepolitik negativ auf die erdölhaltigen Teersande im Norden der Provinz Alberta, die zu den größten Reserven der Welt gehören, auswirken könnte. Der Abbau der Ölsande wird in den USA stark kritisiert. Synthetisch hergestelltes Öl emittiert drei- bis viermal so viele Treibhausgase wie konventionelles Erdöl.

Während des Wahlkampfs hatte Obama bei einem Auftritt in Chicago angekündigt, er werde als Präsident Harper sagen, dass die USA Teile des Nordamerikanischen Freihandelsabkommens Nafta neu verhandeln wollen, um amerikanische Arbeitsplätze zu schützen. Kanada verkauft rund 80 Prozent seiner Exporte in den USA. Dass Obama Harper damals irrtümlich als "Präsidenten von Kanada" bezeichnete, war das kleinste Problem. Zwischenzeitlich hat Obama seine Rhetorik etwas gedämpft und sich als Pragmatiker gezeigt. Zum Abschluss seines Besuchs trifft Obama mit dem liberalen Oppositionsführer Michael Ignatieff zusammen, wie es die Tradition in Ottawa vorschreibt.

Der frühere US-Präsident John F. Kennedy hatte den Kanadiern 1961 in Ottawa zugerufen: "Was uns eint, ist viel größer, als was uns trennt." In Kanada herrschte während der Bush-Jahre eine weitverbreitete US-Feindlichkeit wegen des Irakkriegs und der Antiterrorpolitik, doch die Popularität des neuen US-Präsidenten ist enorm: In Umfragen sagten kürzlich über 80 Prozent der befragten Kanadier, sie dächten positiv über Obama. (Bernadette Calonego aus Vancouver/DER STANDARD, Printausgabe, 19.2.2009)

 

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