Wenn die Zeit davonläuft

18. Februar 2009, 17:18
12 Postings

Jahrelang bestimmte Stagnation die Entwicklung im österreichischen Fußball, für eine Renaissance des Alpenkicks ist eine große Portion Geduld von Nöten

"Die beste Verteidigung ist der Angriff", glaubt nicht nur Kärnten-Coach Frenkie Schinkels und übt damit Kritik an Teamchef Brückner, dessen Trainerstuhl nach den zuletzt doch recht holprigen Auftritten des ÖFB-Teams immer deutlicher zu wackeln beginnt.
Der gebürtige Niederländer fordert auch mehr Realitätssinn. Man solle sich nicht wundern, dass man schlecht ist.
Eine realistische Selbsteinschätzung kann nicht schaden, wenn es darum geht, sich erreichbare Ziele zu stecken. So hätten auch die Fans nicht unnötig von einem Erfolg gegen Schweden träumen müssen, schließlich war doch von vornherein klar, dass die Nordländer für unsere bescheidenen Verhältnisse in allen Belangen mindestens eine Nummer zu groß sind.

Doch solche Klasseunterschiede werden hierzulande gerne mit Verweisen auf doch sehr fragwürdige positive Statistiken oder mit Teilerfolgen aus der Vergangenheit vom Tisch gewischt.
So schweben wohl auch noch immer die schmeichelhaften Erfolge gegen Frankreich (3:1) und Italien (2:2) in manchen Hinterköpfen, obwohl die Abenteuer Färöer (1:1) und Serbien (1:3) schon eher als Maßstäbe herhalten sollten.
In Zeiten der defensiven wie offensiven Team-Krise auf Angriff zu setzen, mag eine - wenn auch ziemlich riskante - Möglichkeit der Konfliktbewältigung sein und diese kann gut und gerne nach hinten losgehen, gerade wenn es um die Qualität des Spielermaterials nicht ausreichend bestellt ist. Dessen sollte sich auch Herr Schinkels bewusst sein. Bundesliga-Niveau zu erreichen, ist eine Sache, auf internationalem Niveau mitzuwirken, eine ganz andere. Das weiß auch Teamchef Brückner, dem die Zeit davonläuft.

Viele Jahre hat man die Entwicklung im internationalen Fußball verschlafen, nun soll der festsitzende Karren rapide wieder flott gemacht werden. Egal wie. Dass dazu konsequente Arbeit über mehrere Jahre, vielleicht Generationen und kontinuierlicher Aufbau in kleinen Schritten von Nöten sind, kommt in Zeiten des hustenden Turbokapitalismus, der immer dringender und rascher Erfolge benötigt, ziemlich unpopulär an. Kommt es zu einigen Niederlagen in Folge, muss der Trainer selbstverständlich seinen Hut nehmen. Eine Tatsache, welche der Suche nach einem qualifizierten Teamchef für das ÖFB-Team auch in Zukunft nicht gerade förderlich ist. Welcher (Erfolgs-)Trainer würde sich schon zutrauen, mit den wankelmütigen Österreichern eine positive Serie zu starten, quasi auf eine Win-Win-Situation für Team und Trainer zu hoffen?

Doch mit etwas Geduld könnte auch in Österreich etwas Großes entstehen. So hat der Nachwuchs in den letzten Saisonen mehr als deutliche Signale gesendet, nun sind die Trainer der Liga gefordert, den Talenten immer wieder Chancen zu geben und für ihre umfassende Fortbildung zu sorgen, damit sie nicht - wie in der Vergangenheit sooft - zu ewigen Talenten verkommen.

Weder Hickersberger noch Brückner können Wunder bewirken, weder der abermals in der Wüste gelandete „Färöer-Pepi", der im Gegensatz zu seinem Nachfolger Kontakt zu den Bundesliga-Trainern pflegte und dennoch nicht besonders erfolgreich war, noch der Erfolgstrainer der Tschechen, der sich lieber mit Video-Analysen des ÖFB-Teams befasst, als mit publikums- und medien-wirksamem Klatsch und Tratsch auf den Vip-Tribünen der heimischen Topliga. Was Team und Trainer brauchen, ist Zeit. (Thomas Hirner, derStandard.at, 18. Februar 2009)

 

Share if you care.