Der Postnormalfall

17. Februar 2009, 20:05
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Am Beispiel Klimawandel: Was Wissenschaft zu Entscheidungen beitragen kann

Was wissen wir eigentlich über den Klimawandel? Dass er von den Menschen mitverursacht wird, dass Treibhausgase ein wichtiger Faktor sind. Ansonsten nicht sehr viel. Dass die Temperaturen steigen? Der Klimaforscher Hans von Storch formuliert es vorsichtiger: "Die Häufigkeitsverteilungen der Temperatur verschieben sich derzeit und in der absehbaren Zukunft fortgesetzt an fast allen Orten hin zu größeren Werten." Verteilungen, absehbar, fast alle Orte - man sieht, hier spricht die wissenschaftliche Vorsicht.

Sie ist aber nur eine der Formen, über die der Klimawandel verhandelt wird, ein Konstrukt, wie es auch bei den globalen Anstrengungen des UN-Klimarats IPCC angewendet wurde. Daneben gibt es andere, kulturelle und politische Konstrukte, die die möglichen oder tatsächlichen Veränderungen in dringliche, ja apokalyptische Begriffe fassen. Der Wandel wird zur Katastrophe, die Schwankungen sind, je nachdem, Zeichen der Rache Gottes, der Natur oder der Mutter Erde.

In diesem kulturellen und politischen Zusammenhang aber geht es weniger um die Stichhaltigkeit der Argumente als um ihre Verwertbarkeit. Ob sie für oder gegen eine Causa gut sind, entscheidet sich unter anderem dadurch, in welcher Konkurrenz ein Thema wie Klimawandel sich mit anderen Themen befindet. Die mögen - wie Hunger, Atomkraft, Wasser, Krieg der Kulturen, Aggressionstrieb - in einem engeren oder weiteren Zusammenhang mit dem Klima stehen, können aber nicht alle gleich viel Öffentlichkeit beanspruchen.

Der ehrliche Makler

Dadurch geraten Wissenschafter, oft mit eigenem Dazutun, in den Verwertungskreislauf von medialen Sensationen. Von Storch greift den Begriff eines italienischen Wissenschaftsphilosophen auf und spricht von einer "postnormalen Wissenschaft".

Normal war die wahrscheinlich nie rein praktizierte Forschung aus purer Neugierde (ein Echo findet sich im herrschaftsfreien Diskurs, den Jürgen Habermas idealiter in der Gemeinde der Wissenschafter ortet).

"Postnormal" ist von Storch zufolge, dass Forschungsergebnisse auf die Nützlichkeit für politische Entscheidungen abgeklopft, unter Umständen schon entsprechend vorformuliert werden.

Wenn die Zukunft erhellt werden soll wie bei der Klimaforschung, dann springen in die Lücken, die notwendigerweise unvollständige Daten hinterlassen, gerne Experten ein und schließen sie mit "gesicherten" Ergebnissen, die keiner normalen (!) Überprüfung standhalten.

Nun spricht nichts dagegen, dass sich Wissenschafter auch um guten Rat an die Öffentlichkeit kümmern. Von Storch verweist auf den US-Umweltforscher Roger Pielke jr. und dessen Konzept eines "ehrlichen Maklers". Dieser Typ des Wissenschafters engt seine Einsichten nicht auf eine politisch machbare "Lösung" ein, sondern bietet fairerweise mehrere Lösungen an: Gerade weil die Probleme komplex sind und das Wissen sehr unvollständig, wird es zur politischen Entscheidung, welchen Weg man gehen soll. (Michael Freund/STANDARD,Printausgabe, 18.2.2009)

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