"Neuschnee sehr störanfällig"

17. Februar 2009, 23:11
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Durch die anhaltend starken Schneefälle hat sich die Lawinensituation in den Nordstaulagen der Alpen am Dienstag weiter verschärft

Salzburg - Der Bericht des Lawinenwarndienstes ließ an Klarheit nichts vermissen: Der in großen Mengen gefallene Schnee sei „einerseits sehr leicht zu stören, weil er auf die kalten und weichen Schichten der Vorwoche" gefallen wäre, „andererseits führt der starke Wind zu umfangreichen Verfrachtungen. In Steilhängen aller Richtungen ist bereits bei geringer Zusatzbelastung eine Auslösung wahrscheinlich."

Fazit des Teams um Lawinenexperte Michael Staudinger: „Viel Neuschnee und sehr störanfällig." Es herrscht Stufe vier auf der fünfteiligen Gefahrenstufenskala: „große" Lawinengefahr. Die Situation bleibt kritisch: Die Kälte konserviere die Gefahr. Selbst bei Nachlassen der Schneefälle - am Dienstag sind in den Nordstaulagen bis zu 80 Zentimeter Neuschnee gefallen - geht die Gefährdung nur sehr langsam zurück. Für Donnerstag wird Stufe drei, „erheblich", prognostiziert, Schneebrettauslösungen sind also weiterhin bei geringer Zusatzbelastung möglich. Ähnlich dramatisch - Warnstufe vier - wie in den Salzburger Bergen ist die Situation im gesamten Nordstaubereich von Vorarlberg bis nach Niederösterreich zu den Ybbstaler Alpen.

Nobelskiorte nicht erreichbar

In Vorarlberg musste die Verbindung (L714) in die Dornbirner Bergparzelle Ebnit gesperrt werden. Ebnit war am Dienstag wegen Lawinengefahr nicht erreichbar. Auch die Nobel-Skiorte Lech, Zürs und Stuben waren ab Dienstagabend auf dem Straßenweg nicht mehr erreichbar und somit von der Umwelt abgeschnitten. Betroffen davon sind derzeit 15.500 Urlauber, darunter auch die niederländische Königsfamilie.

Aufgrund hängengebliebener Lkws auf deutscher Seite wurde der Pfändertunnel in Fahrtrichtung Deutschland geschlossen. Angesichts der Wetterprognosen hat Vorarlberg einen Heeres-Hubschrauber für den Katastrophenfall angefordert. Straßensperren wurden am Dienstag auch aus Tirol gemeldet: So war unter anderem die Kössener Straße, die Berwang-Namloser Straße sowie die Seefelder Straße zwischen Scharnitz und Mittenwald nicht befahrbar.
Eine echte Entspannung der Wettersituation ist laut Zentralanstalt für Meteorologie und Geodynamik nicht in Sicht. Nach einer kurzen Wetterbesserung kommt am Wochenende der nächste Schwall feuchter Luft. In Tallagen werde der Schneefall zwar teilweise in Regen übergehen, auf den Bergen komme aber noch einmal eine ordentliche Portion Neuschnee hinzu, so die Prognose.

Vier Lawinentote

Die kurze Zwischenbesserung am Donnerstag und Freitag bei gleichzeitig nur leichter Entspannung der Lawinensituation treibt vor allem den Bergrettern die Sorgenfalten auf die Stirn. Die Erfahrung zeige, dass gerade in Phasen mit „erheblicher" Gefährdung (Stufe drei) die Unfallhäufigkeit steigt. Die Frage, ob man bei „erheblicher" Gefahr überhaupt Skitouren unternehmen dürfe, entzweit freilich selbst die Experten. Der prominente Salzburger Alpinjournalist und Bergretter Gerald Lehner etwa hatte in einem Lokalradiointerview erklärt, selbst noch bei Stufe drei oder vier im Gelände unterwegs zu sein. Aussagen, die zumindest aus Sicht der Bergrettungsleitung „unverantwortlich" seien und Leben gefährdeten.

Diese „erhebliche" Lawinengefahr herrschte jedenfalls bei der jüngsten Lawinenserie. Bereits Ende vergangener Woche verunglückten zwei Skifahrer in der Salzburger Osterhorngruppe tödlich. Einer der beiden, ein Oberösterreicher, konnte bis heute nicht geborgen werden.

Am Montag sind sechs Tourengeher in der Obersteiermark im Rantenbachtal von einem Schneebrett erfasst und mitgerissen worden. Für zwei Männer aus dem Raum Linz kam jede Hilfe zu spät. (Thomas Neuhold/DER STANDARD, Printausgabe, 18.2.2009)

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    Ein Lkw-Ausrutscher in der Nacht zum Dienstag in St. Oswald bei Freistadt

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