Künstler, hört die Signale!

17. Februar 2009, 18:33
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Appell an die Kulturschaffenden des Landes, dem Staat in Krisen wie diesen mehr Unterstützung abzufordern

Das Überleben der Kreativwirtschaft müsse ihm mindestens so viel wert sein wie das der Autoindustrie.

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Als Kontrastlektüre dazu siehe Richard Kriesches Kommentar "Die Krise des Marktes als Kapital für die Kunst" in der Wochenendausgabe des Standard (14.2.).

Derzeit scheinen nur mehr die stereotypen Vorurteile Konjunktur zu haben (und bestätigen sich sogar): Die Autohändler sind Gauner (die staatliche Hilfe führt zu steigenden Autopreisen), die Banken sitzen auf ihrem Geld (sie bekommen Milliarden vom Staat, vergeben aber keine Kredite), die Ölkonzerne machen auch in der Krise noch Milliardengewinne (Nettogewinne im 4. Quartal 2008: Exxon 7,8 Mrd. $, Chevron bei 4,9 Mrd.$, Shell 4,8 Mrd. $) und die Künstler sind arm und traurig (siehe Studie des Kunstministeriums zur sozialen Lage der KünstlerInnen).

Ach ja, die Kunst! Über all den Verhandlungen mit den Banken (damit sie doch endlich gnädigerweise die staatlichen Milliardengarantien annehmen), mit den Autozulieferfirmen (über die Ausweitung der aus Steuergeldern gestützten Kurzarbeit zur Bewahrung von veraltetem Know-how für die Zeit nach der Krise), mit den Autohändlern über die Verschrottungsprämie (damit das wertvolle Know-how der Autoverkäufer während der Krise nicht durch Arbeitslosigkeit oder Umschulung in Verlust gerät) vergessen die politischen Entscheidungsträger des "Kunst- und Kulturstaates Österreich" auf die Künstlerinnen und Künstler - in der Hoffnung, dass diesen bald auch die Kraft zum Zorn ausgehen wird.

Da sind ein paar Autohändler allemal wichtiger als ca. 20.000 KünstlerInnen und 100.000 Beschäftigte in der österreichischen Kreativwirtschaft - schließlich haben die Autohändler eine wirksame Lobby und Minister, die ihre Interessen in der Regierung durchsetzen...

Das gemeinsame Argument der Politiker, der Autoindustrie und der Gewerkschaft für die Unterstützung des Automobilsektors in Österreich durch den Staat ist: Wenn ihr uns und unseren Arbeitern jetzt nicht helft, geht Know-how verloren. Und dieser Know-how-Verlust im Autobau schadet der Wirtschaft, schadet den Arbeitern und schadet dem Staat.

Tatsache ist, dass die Künstler/innen aller Sparten und auch die Beschäftigten in der Kreativwirtschaft mindestens so zahlreich sind und mindestens so stark unter der Wirtschaftskrise leiden und leiden werden, wie der Autohandel und die Autoindustrie. Tatsache ist auch, dass der Know-how-Verlust in allen Bereichen der Kunst, der Architektur, des Design etc. die Zukunft Österreichs vermutlich weit mehr beschädigen wird, als in vielen anderen Bereichen der traditionellen Wirtschaft. Warum wird also die erzwunge-ne "Kurzarbeit" im Kreativsektor nicht ebenso staatlich gefördert, wie die Kurzarbeit bei General Motors Österreich oder Magna?
Mag sein, dass es nicht besonders elegant ist, die Autoindustrie gegen die Kunst auszuspielen. Aber in einem politischen Umfeld, in dem die Kunst sowohl beim Staat als auch in der Wirtschaft traditionellerweise als erste Kandidatin für Einsparungspotenziale gesehen und behandelt wird, ist argumentative Eleganz der sichere Weg in einen eleganten Niedergang. Alle wissen es, aber keiner traut es sich zu sagen: Es droht ein Flächenbrand, der mit dem nächsten Wirtschaftsaufschwung noch nicht zu Ende sein wird. Nach der Krise müssen nämlich die jetzt angehäuften Staatsschulden wieder reduziert werden und die Ideologen des staatlichen Rückzugs werden wieder Hochkonjunktur haben. Dann wird der Wettbewerb erst recht wieder lauten: künstlerisch-wissenschaftliche Ideenproduzenten gegen industrielle Warenproduzenten, die ständig mit Abwanderung ins billigere Ausland drohen.

Da Politik sich offenbar gerade in Krisenzeiten weniger am Inhalt ihrer Sonntagsreden als an effektivem Lobbying orientiert, lautet die Frage: Werden die Künstler/innen, die Künstlervereinigungen und Galerien, all die vielen Kunstinstitutionen, die Kunstuniversitäten, Museen und Konzerthäuser, die hunderten Design- und Architekturbüros, Filmstudios, Festspielveranstalter, die zahlreichen Kulturvereine, Konservatorien und Musikschulen in nächster Zeit noch mehr zustande bringen, als das bisher zu vernehmende Klagen einiger weniger Museumsdirektoren über sinkende Sponsorengelder? Viel wird davon abhängen - für die einzelnen Kunstschaffenden, aber mehr noch für unser gesamtes Land. (Gerald Bast, DER STANDARD/Printausgabe, 18.02.2009)

Zur Person:
Gerald Bast ist Rektor der Universität für angewandte Kunst, Wien.

  • Das Auto als Kunstobjekt ("Cadillac Ranch", Texas). - Wird die Kunst zum Sparobjekt, droht laut Rektor Bast ein "Flächenbrand".
    foto: der standard

    Das Auto als Kunstobjekt ("Cadillac Ranch", Texas). - Wird die Kunst zum Sparobjekt, droht laut Rektor Bast ein "Flächenbrand".

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