Kunst ohne falsche Fassade

17. Februar 2009, 17:51
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Künstlerin Hito Steyerl "dekonstruiert" die Geschichte

Linz - Wenn Pracht und Schrecken aufeinandertreffen, wird der anfallende Dreck oft mit schönen Fassaden kaschiert. Um das Geschehen zu verstehen, muss man schon einen Blick hinter diese MauerMasken werfen.

Genau das hat sich die Berliner Künstlerin Hito Steyerl in ihrer Installation "Unter Uns" (28. 02. - Dezember 09) für Linz09 zum Ziel gemacht.

In "anarchitektonischer" Manier schlägt die Künstlerin die Fassade des Brückenkopfgebäudes ab, das während der NS-Herrschaft errichtet wurde - und zwar so lange, bis nur noch eine abstrakte Formation aus Linien überbleibt.

Wie die Adern eines gezeichneten Körpers muten die verbleibenden Züge der Fassade an und stellen dabei eine Landkarte des logistisch perfektionierten Mordes dar: Mit Linz und Wien als Zentrum münden die verschiedenen Zweige in Konzentrationslagern wie Dachau. Es sind Fragen nach den Bauarbeitern, den Ingenieuren, den Zwangsarbeitern und den Nazi-Architekten, die Hito Steyerl mit ihrer Installation Unter Uns stellt.

Parallel zur Ausstellung Kulturhauptstadt des Führers (Schlossmuseum Linz, bis März 2009), die sich mit Hitlers utopischen Plänen für seine "Heimatstadt" Linz auseinandersetzt, richtet Steyerl das Augenmerk auf tatsächlich errichtete Bauwerke und deren blutiges Fundament.

Auseinandersetzung mit Geschichte und politisches Engagement sind Leitmotive der 42-jährigen Künstlerin. Kurzfilme wie Deutschland und das Ich (1994) thematisieren Antisemitismus in Deutschland; die auf der Dokumenta 12 präsentierte Installation "Red Allert" kritisiert die amerikanische Politik.

Als Ergänzung zu dem "Fassadenabschlag" in Linz zeigt die Künstlerin (bis 27. 02) eine aus zeitgeschichtlichem Archivmaterial bestehende Video-Installation im ehemaligen Schirmmacherfachgeschäft innerhalb des Brückenkopfgebäudes. (Philipp Draxler, DER STANDARD/Printausgabe, 18.02.2009)

  • Die verbleibenden Fassadenlinien der Installation "Unter Uns"  als Landkarte des perfektionierten Mordes.
    foto: heindl

    Die verbleibenden Fassadenlinien der Installation "Unter Uns" als Landkarte des perfektionierten Mordes.

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