Zerlegt und neu zusammengesetzt

17. Februar 2009, 18:07
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Die Autoindustrie steht vor den größten Umwälzungen seit Jahrzehnten: Der weltgrößte Hersteller General Motors ist am Auseinanderbrechen, die europäische Tochter Opel hängt – samt dem Motorenwerk in Wien-Aspern – in der Luft

"So far we have nothing to announce", bisher habe er nichts anzukündigen, ließ General-Motors-Europachef Carl-Peter Forster am Dienstag verbreiten. "Spekulationen über mögliche Werksschließungen" werde man seitens GM Europe nicht kommentieren. Auch bei mehrmaligen Nachfragen beim GM-Motoren- und Getriebewerk in Wien-Aspern, wo derzeit bereits 1860 Personen auf Kurzarbeit sind, wird immer nur auf das offizielle Statement Forsters verwiesen, in dem es weiters heißt: "Die Wirtschaftskrise und ihr schwerer Impact auf das Verbrauchervertrauen und das Kaufverhalten werden General Motors Europa dazu veranlassen, weitere Restrukturierungsmaßnahmen zu setzen, während man versuchen wird, so viele Jobs wie möglich zu erhalten."

GM schließt Werke

Am Dienstagvormittag hatten das gewöhnlich hervorragend informierte Industriefachmedium Automotive News sowie die Nachrichtenagentur Bloomberg berichtet, dass General Motors plane, die Autowerke in Antwerpen und Bochum (der nach dem Hauptsitz Rüsselsheim zweitgrößte Opel-Standort in Deutschland mit 5300 Mitarbeitern) zu schließen sowie das jüngste Opel-Werk Eisenach in Thüringen zu veräußern. Auch das Werk der schwedischen Tochter Saab stünde zur Disposition.

Der Opel-Betriebsratschef ließ daraufhin über die Nachrichtenagentur Reuters verlauten, dass derartige Szenarien seinen Kenntnissen nach nicht im Sanierungsplan von GM enthalten seien: "Ich halte das für eine gezielte Provokation, die Angst machen soll."

Sanierungskonzept

Hintergrund: Opel - seit 1899 Autohersteller, seit 1929 Teil des GM-Reiches - versucht in Deutschland, Staatshilfen (etwa Bürgschaften) zu bekommen, in den Bundesländern werden derzeit gerade Pläne gewälzt, wie der Autobauer mit 25.000 Beschäftigten in Deutschland mit Hilfe der öffentlichen Hand aus dem GM-Verbund herausgelöst werden und auf eigene Räder gestellt werden könnte. Opel hat außerdem Werke in Kaiserslautern (Deutschland), Saragossa (Spanien), St. Petersburg (Russland), Gliwice (Polen) und Ellesmere Port (England).

Der schwer angeschlagene Mutterkonzern General Motors und auch Konkurrent Chrysler mussten bis Dienstagabend der US-Regierung ein Sanierungskonzept vorlegen, um die Milliardenhilfen zu rechtfertigen. GM bekam am Dienstag weitere vier Milliarden Dollar (3,1 Mrd. Euro) überwiesen, zusätzlich zu den schon im Vorjahr ausbezahlten 9,4 Milliarden Dollar.

Für Chrysler gab es eine weitere Finanzspritze in Höhe von drei Milliarden Dollar, nachdem zuvor bereits vier Milliarden Dollar geflossen waren. Die Restrukturierungspläne werden massiven Jobabbau vorsehen, die Fahrpläne zum Abbau der Schulden skizzieren auch den geplanten Abverkauf von Teilbereichen. Bei Opel in Deutschland sowie bei Saab in Schweden interessiert vor allem letzteres. Der kleine chinesische Autohersteller Sichuan Auto Industry aus Chengdu in Südwestchina zeige Interesse für Hummer, jene GM-Tochter, die aus dem Militärfahrzeug HMMWV (High Mobility Multipurpose Wheeled Vehicle, kurz: HumVee) das überbreite Lifestyle-Fahrzeug Hummer gemacht hat, so eine weitere Meldung am Dienstag.

"Tektonische Verschiebungen"

Der Fall Opel zeigt: In der Autoindustrie "wird es tektonische Verschiebungen geben", sagt auch Autowirtschaftsprofessor Willi Diez von der Hochschule für Wirtschaft und Umwelt Nürtingen-Geislingen zum STANDARD, "wie die aussehen, kann man aber nicht sagen." In "Megamergers" liege die Zukunft jedenfalls nicht, eher in "punktuellen Kooperationen, mit denen man Kosten senken kann", so Diez. Er bezweifelt auch, dass Opel ohne GM überlebensfähig sein könnte, denn es sei "viel Eigenkapital notwendig".

In Wien hingegen hofft man eher darauf, dass die in Aspern gefertigten Motoren und Getriebe mehr Zukunft haben - werden sie doch vor allem in kleine und mittelgroße Modelle eingebaut. Ein Sprecher des Wiener Wirtschaftsförderungsfonds (WWFF) sagte zum _Standard: „Wir stehen im ständigen Kontakt mit der Geschäftsführung des Werkes. Man sollte aber den Ball derzeit flach halten und nicht gleich von Schließung oder Verkauf sprechen. Das Werk gehört zu den produktivsten im Konzernverbund."

Ob jetzt der Staat Opel auffängt oder ob GM trotz pressierenden Geldmangels weiter am europäischen Know-how festhält, "für Aspern steigen in beiden Fällen die Aktien", gibt man sich beim WWFF optimistisch. (Leo Szemeliker, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 18.2.2009)

  • Zukunftsszenario "Frankencar": Die Autoindustrie zerlegt es gerade.
    montage: standard

    Zukunftsszenario "Frankencar": Die Autoindustrie zerlegt es gerade.

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