Fair-Value-Prinzip färbt die Bilanzen blutrot

17. Februar 2009, 17:28
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Trotz EU-Forderungen gibt es in der IFRS-Bilanzierung keine Erleichterungen

Das Maß aller Dinge bleibt der "Fair Value". Die Folgen sind hohe Abwertungsverluste von Finanzinstrumenten in den Jahresabschlüssen 2008.

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Der Bankencrash im Oktober 2008 erschütterte die Finanzbranche. Die Börsenkurse fielen ins Bodenlose, und damit wurde die Weltwirtschaft in eine der größten Finanzkrise in den vergangenen 100 Jahren gestürzt.

Als eine der ersten Maßnahmen, die quasi nicht viel kosten würde, es aber gerade den Unternehmen erleichtern würde, ihre Abwertungsverluste in Grenzen zu halten, wurde vielfach eine Erleichterung bei den internationalen Bilanzierungsregeln nach IFRS gefordert. In Fachkreisen der EU und des IASB (International Accounting Standard Board) brach in den vergangenen Monaten eine heftige Diskussion darüber aus, ob es in den IFRS eine Aufweichung des Fair-Value-Prinzips zugunsten vieler Branchen (vor allem Banken) geben sollte.

Das 14-Personen-Komitee des IASB, das die Standards für IFRS festlegt und von Fachleuten aus allen Kontinenten mit einer 50-Prozent-Dominanz der USA und Großbritannien beschickt wird, war von diesen EU-Bestrebungen nicht überzeugt und widersetzte sich einer Aufweichung der Standards. Dabei ist es für den IASB aber wichtig, die EU-Vertreter davon zu überzeugen, vom Fair-Value-Prinzip nicht abzuweichen, denn nur gemeinsam mit der EU ist gewährleistet, dass auch in Zukunft neue bzw. adaptierte IFRS-Standards in das EU-Recht übernommen werden. Denn jede Änderung wird im Rahmen des sogenannten Komitologieverfahrens durch Gremien der EU geprüft und bewilligt. Erst dann entfalten die IFRS-Regeln gesetzliche Wirkung in der EU.

Aufweichung gefordert

Für das IASB wurden die vergangenen Monate der Finanzkrise zu einer echten Nagelprobe. Der Druck vonseiten der EU und großer internationaler Unternehmen, die strikte Fair-Value-Bewertung aufzuweichen, war enorm. Grund: Nur ein Abgehen vom strikten Fair-Value-Prinzip würde die Geschäftsbilanzen 2008 nicht mit erheblichen Beteiligungs- und Abwertungsverlusten für Firmenwerte und Wertpapiere belasten.

Was in Zeiten des Börsenbooms vielen Unternehmen bei IFRS gut gefallen hat, wird nun zu einem riesigen Problem. Der Fair Value fettete in guten Jahren gerade den Bereich der Finanzinstrumente in den Bilanzen auf, weil diese eben zum tatsächlichen Wert (z.B. Börsenkurs) und nicht zum Anschaffungswert in den IFRS-Bilanzen ausgewiesen werden konnten.

Doch jetzt schlägt das Pendel in die andere Richtung aus, was auch in dicken Verlusten gerade bei den Finanzinstrumenten seinen Niederschlag findet. Nun wurde von vielen Unternehmensvertretern, aber auch EU-Experten und Politikern kritisiert, dass die Verwendung des Fair Value eine zu starke Volatilität in die Unternehmensergebnisse gebracht hat - und das stünde einer langfristigen und gleichmäßigen Unternehmensentwicklung entgegen.

Der IASB konnte jedoch schlüssig argumentieren, dass nicht der Fair Value an sich das Problem ist, sondern die bis dato als sakrosankt verwendeten Börsenkurse, die aufgrund der Finanzmarktkrise oft nicht mehr annähernd den inneren Wert eines Unternehmens darstellen. Gemäß IFRS kann der Fair Value eines Unternehmens auch durch eine Unternehmensbewertung nach der Discounted-Cashflow-Methode ermittelt werden. Dabei stellt sich jedoch das Problem, dass hierfür eine umfassende Planungsrechnung erforderlich ist, die drei bis fünf Jahre in die Zukunft gerichtet ist.

Aufgrund der Finanzkrise sehen sich viele Unternehmen nicht einmal in der Lage, das Jahr 2009 zu prognostizieren, sodass eine mittel- und langfristige Planung in der jetzigen Finanzkrise erst recht nicht darstellbar ist. Da die Discounted-Cashflow-Methode keinen Ausweg bietet, bleiben also doch nur die Börsenkurse für eine Bewertung von Finanzinstrumenten.

Vergleichbarkeit erhalten

Doch das Festhalten am Fair Value ist nur konsequent. Entsprachen die Aufwertungsgewinne in guten Börsenzeiten nicht den tatsächlichen Unternehmenswerten, so ist nun derselbe Effekt im Börsenabschwung zu verzeichnen. Entscheidend dabei ist aber für Anleger, Analysten und Unternehmenslenker, dass auch in Zukunft bei der Unternehmensbewertung klare Regeln eingehalten werden. Nur so bleiben die Zahlen auch über einen längeren Zeitraum vergleichbar. Zudem würde es den Unternehmen nicht helfen, wenn sie ihre Verluste besser in der Bilanz verstecken können. Dadurch sind die Schulden noch lange nicht verschwunden.

Kleiner Trost für die nun schwer gebeutelten Unternehmen: Wenn es an den Börsen wieder zu einer Erholung der Aktienkurse kommt, dann geht es mit IFRS und Fair Value in den Bilanzen wieder schneller bergauf. Zudem gilt: Je ehrlicher die Bilanzen ausfallen, desto geringer sind die zu erwartenden Altlasten für die Zukunft. Das hilft den Vorständen der Unternehmen, aber auch den Anlegern, die auch in Zukunft darauf vertrauen können, dass eben möglichst faire Werte und nicht einfach neue, nicht vergleichbare Kennzahlen den Unternehmenserfolg messen. Trotz Krise ist das ein Stück Sicherheit und Ehrlichkeit. (Thomas Schaffer, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 18.2.2009)

Zur Person

Mag. Thomas Schaffer ist Wirtschaftsprüfer, Steuerberater und U.S. CPA; Geschäftsführender Gesellschafter von TPA Horwath Wirtschaftsprüfung.

  • Für die Bilanzen der Banken und Unternehmen bleibt die Sturmwarnung aufrecht: Die Hoffnung, man müsse Abwertungsverluste nicht voll ausweisen, hat sich nicht erfüllt.
    foto: standard/cremer, montage: korn

    Für die Bilanzen der Banken und Unternehmen bleibt die Sturmwarnung aufrecht: Die Hoffnung, man müsse Abwertungsverluste nicht voll ausweisen, hat sich nicht erfüllt.

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