Viele Jahresabschlüsse sind unvollständig

17. Februar 2009, 17:26
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Österreich hat, anders als andere EU-Staaten, noch immer keine Prüfstelle für IFRS-Rechnungslegung eingerichtet

Wien - Für Unternehmen, deren Wertpapiere an einer Börse eines EU-Mitgliedsstaates notieren, besteht die Pflicht, einen Konzernabschluss nach den internationalen Rechnungslegungsvorschriften IFRS zu erstellen. Ein IFRS-Abschluss besteht nicht nur aus einer Bilanz und einer Gewinn- und Verlustrechnung, sondern u.a. auch aus einem Anhang, in dem das Unternehmen eine Fülle von Informationen offenzulegen hat.

IFRS-Anhänge mit einer Länge von über 50 Seiten sind keine Seltenheit, in manchen Fällen wird sogar eine Länge von 150 Seiten erreicht. Der Vorstand muss im Anhang uneingeschränkt bestätigen, dass der Abschluss mit allen Vorschriften der IFRS im Einklang steht, einschließlich der Vorschriften zu den Anhangangaben. Der Wirtschaftsprüfer bestätigt die Vollständigkeit der Anhangangaben durch seinen Bestätigungsvermerk.

In anderen EU-Mitgliedsstaaten sind bereits seit Jahren - so wie es in der Transparenzrichtlinie der EU vorgesehen ist - Prüfstellen für Rechnungslegung tätig, die Verstöße gegen die Rechnungslegungsvorschriften, wie etwa die Unterlassung erforderlicher Anhangangaben oder die Verwendung unrealistischer Schätzungen im Rahmen eines Wertminderungstests, feststellen. In Deutschland wird diese Aufgabe etwa von der Deutschen Prüfstelle für Rechnungslegung (DPR) wahrgenommen.

Obwohl in Österreich bereits seit Mitte 2006 ein Entwurf zu einem Enforcementstellengesetz vorliegt, fehlt es hierzulande noch immer an einer derartigen Prüfstelle. Im aktuellen Regierungsprogramm wurde jedoch bereits die Absicht bekundet, eine solche Prüfstelle einzurichten.

Anhang bleibt unbeachtet

Die DPR hat im Rahmen ihrer bisherigen Tätigkeit festgestellt, dass unzureichende Angaben im Anhang zu den häufigsten Fehlerquellen der IFRS-Berichterstattung gehören. Der Grund dafür besteht laut DPR sehr oft einfach darin, dass dem Anhang nicht genug Bedeutung beigemessen wird. Die Unvollständigkeit der Anhangangaben ist allerdings problematisch, da der Vorstand im Anhang bestätigt, dass der Abschluss auch mit den Angabevorschriften der IFRS übereinstimmt. Darüber hinaus könnten Investoren, welche aufgrund fehlender Anhangangaben eine Fehlentscheidung getroffen haben, das Unternehmen auf Schadenersatz klagen.

Angesichts dieser Ausführungen drängt sich die Frage auf, wie gut oder wie schlecht es um die Einhaltung der Angabevorschriften der IFRS in einem Land wie Österreich bestellt ist, in dem keine Prüfstelle für Rechnungslegung existiert. Vor diesem Hintergrund haben die Autoren 30 nach dem Zufallsprinzip ausgewählte IFRS-Abschlüsse für das Jahr 2007 von an der Wiener Börse notierten Unternehmen untersucht. Diese Untersuchung war mit der Restriktion verbunden, dass die Autoren über keine unternehmensinternen Informationen verfügten. Des Öfteren drängte sich ihnen jedoch fast unvermeidbar der Verdacht auf, dass wesentliche Anhangangaben unterlassen werden.

raglich ist nun, ob eine österreichische Prüfstelle für Rechnungslegung (ÖPR) für Österreich dasselbe Fazit ziehen würde, wie die DPR für Deutschland, und zwar, dass unzureichende Angaben im Anhang zu den häufigsten Fehlerquellen der IFRS-Berichterstattung gehören.

Kritik sollte immer als konstruktiv gewertet werden. Auf der einen Seite haben die bilanzierenden Unternehmen derzeit noch etwas Zeit, professionelle Beratung einzuholen, um die Umsetzung der Angabevorschriften in ihren Abschlüssen zu kontrollieren und erforderlichenfalls zu verbessern, bevor eine ÖPR ihre Tätigkeit aufnimmt. Die Abschlüsse zum 31.2.2008 würden sich für diesen Zweck anbieten.

Gleichzeitig sollte die Bundesregierung bis zu der vorgesehenen Einrichtung einer Prüfstelle nicht mehr viel Zeit verstreichen lassen. Gerade in Zeiten der Finanzkrise wäre es wichtig, mit der Schaffung einer Prüfstelle ein Signal zu setzen, das das Vertrauen in den Finanzplatz Österreich stärkt. (Dieter Christian, Michaela Hohensinner, DER STANDARD, Printausgabe, 18.2.2009)

Zur Person

Dr. Dieter Christian (WU Wien), Mag. Michaela Hohensinner, Stabstelle für Rechnungslegung, BDO Auxilia Treuhand.

christian@bdo.at

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