"In jedem guten Politiker steckt ein Schauspieler"

18. Februar 2009, 13:16
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Er fotografierte in den Zentren der Macht - Fotograf und Pulitzer-Preisträger David Hume Kennerly über Mordversuche an Präsidenten und andere historische Momente

Der Fotograf und Pulitzer-Preisträger David Hume Kennerly dokumentiert seit fast 40 Jahren mit seiner Kamera Historisches. Im Weißen Haus geht er aus und ein, Präsident Gerald Ford zählte ihn zu seinen persönlichen Freunden. Bei beiden Mordversuchen an Ford war Kennerly mit ihm zusammen. Auch Barack Obama vertraut Kennerlys Fotografierkunst.

Im derStandard.at E-Mail-Interview schildert der berühmte Fotograf, welcher Präsident am besten mit der Kamera flirtet, warum er jahrelang Alpträume hatte und wie er ins Interesse des Secret Service rückte.

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derStandard.at: Als Fotograf wurden Sie in den letzten Jahrzehnten Zeuge vieler historischer Ereignisse. An welchen Moment denken Sie ganz besonders, wenn Sie die Jahre Revue passieren lassen?

Kennerly: Der Massenmord von Jonestown in Guyana (Massenselbstmord der Peoples Temple-Sekte, Anm.) ist mir als das schrecklichste Erlebnis, das ich je fotografiert habe, im Gedächtnis geblieben. Über 900 Menschen wurden damals ermordet oder begingen Selbstmord. Noch viele Jahre danach hatte ich Alpträume von diesem Geschehen. Bis heute ist es mir unmöglich, dieses Ereignis auf irgendeine Weise zu relativieren. Was dort geschah, war das Werk eines Verrückten.

Das vielleicht spannendste historische Ereignis war für mich die Reise von Präsident Anwar Sadat (ägyptischer Präsident von 1970 bis 1981, Anm.) nach Israel. Als Augenzeuge werde ich das Erlebnis niemals vergessen. Nach der Reise fotografierte ich Präsident Sadat für die Ausgabe des Time Magazine "Mann des Jahres" im Profil vor den Pyramiden. Ich liebe dieses Foto und werde den Anlass dafür immer in bester Erinnerung behalten.

derStandard.at: Herr Kennerly, Sie haben seit Richard Nixon alle amerikanischen Präsidenten fotografiert - und waren über einen langen Zeitraum für das Weiße Haus im Einsatz. Welcher Präsident konnte am besten mit der Kamera kommunizieren und Bilder zu seinem Vorteil nutzen?

Kennerly: Diesen Preis vergebe ich klar an Ronald Reagan, obwohl Präsident Clinton und Präsident Obama gleich an zweiter Stelle kommen. Reagan war gelernter Schauspieler und zu seiner Zeit so ziemlich der beste Mann auf der Leinwand. Er konnte nicht nur sehr gut mit der Kamera kommunizieren, er war auch sehr eloquent und verstand es, das Publikum zu fesseln. Sowohl Clinton als auch Obama verfügen über diese Eigenschaften. Ich glaube, dass in jedem guten Politiker ein Schauspieler steckt, auch wenn er nicht offiziell in dieser Kunst ausgebildet ist.

derStandard.at: Präsident Ford gestattete Ihnen sehr private Einblicke in den Krankheitsverlauf seiner Gattin. Welche anderen privaten Momente im Leben eines Präsidenten konnten Sie im Bild einfangen, an die Sie sich ganz besonders erinnern?

Kennerly: Ich hatte das große Privileg, als persönlicher Fotograf für Präsident Ford zu arbeiten. Dadurch erlebte ich Situationen, die ein Außenstehender normalerweise nicht erlebt. Aufgrund des engen Verhältnisses zu Präsident Ford begegneten mir auch viele andere politische Führer, denen man in der Regel nicht so nahe kommt wie ich - zum Beispiel dem sowjetischen Präsidenten Leonid Breschnew, dem chinesischen Vizepremier Deng Xiaoping und vielen anderen.

Ein herausragender Moment war sicherlich die Wahlnacht im Jahr 2000. Ich befand mich mit dem zukünftigen Präsidenten, Gouverneur George W. Bush, in einem Raum, als klar wurde, dass die Wahlen, die er vermeintlich gewonnen hatte, zu einem Präzedenzfall am Obersten Gerichtshof der Vereinigten Staaten werden würden - einen Prozess, den er Wochen später gewann. In diesem sehr privaten Augenblick ereignete sich eines der dramatischsten politischen Geschehnisse, das ich jemals fotografiert habe.

derStandard.at: Gerald Ford schrieb in einem Brief an Sie: "Sie verfügen über die herausragende Fähigkeit, den Menschen ihre Nervosität zu nehmen und das Beste aus ihnen herauszuholen".

Kennerly: Ich war schon immer relativ locker und versuche, dass sich jeder, den ich fotografiere, vor der Kamera wohlfühlt. Das gilt für Präsidenten wie für arme Menschen oder Soldaten, die im Krieg in einem Schützenloch liegen. Für die meisten Menschen, und dazu zähle ich mich auch, ist fotografiert werden wie ein Zahnarztbesuch.

derStandard.at: Wo ziehen Sie die Grenze zwischen Propaganda und Dokumentation? Welche Rolle spielen Fotografen dabei?

Kennerly: Ich gehe davon aus, Sie meinen Propaganda im Sinne der Verbreitung von unsachgemäßen oder falschen Informationen. Ich habe noch nie unwahre Informationen verbreitet und wurde auch noch nie darum gebeten. In meiner Zeit als Fotograf im Weißen Haus ließ mir der Präsident freie Hand bei der Ausübung meiner Arbeit. Wir waren uns beide einig, dass wir ihn und seine Administration ehrlich porträtieren wollten, und genau das habe ich immer getan.

derStandard.at: Es gibt einige Fotos von George W. Bush, die ihn zeigen, wie er seiner Assistentin Notizen schreibt (beispielsweise war zu lesen, dass er Condoleezza Rice mitteilte, er müsse die Toiletten aufsuchen). Sind Sie der Meinung, dass es guter Stil ist, Fotos von Situationen wie dieser einzufangen?

Kennerly: Wenn eine Person des öffentlichen Interesses in der Öffentlichkeit Notizen schreibt und die Möglichkeit besteht, dass diese Wörter von einem Fotografen festgehalten werden, dann hat die Person einen Fehler gemacht. Ob es guter Stil ist? Das hängt davon ab, wie die Handschrift aussieht!

derStandard.at: Wie oft verhindern die Mitarbeiter des Präsidenten, dass Sie Fotos von ihm in einer ungewöhnlichen Situation schießen?

Kennerly: Ich denke, die Frage müsste heißen: "Glauben Sie, dass die Mitarbeiter des Präsidenten die Pressefotografen davon abhalten, Fotos in ungewöhnlichen Situationen zu machen?". Die Antwort lautet: natürlich. Aber wir werden nie ganz genau erfahren, welche Situationen dies sein könnten . . .

derStandard.at: Haben Sie jemals Fotos gemacht, an denen der Secret Service ein Interesse hatte?

Kennerly: Ich war bei beiden Mordversuchen an Präsident Ford mit ihm zusammen. Natürlich war der Secret Service sehr interessiert an meinen Fotos - und das sollte wohl auch so sein. Abgesehen davon, nein. (Die Fragen stellte Manuela Honsig-Erlenburg, derStandard.at)

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    Foto: Getty Images/Kennerly

    Kennerly: "Das vielleicht spannendste historische Ereignis war für mich die Reise von Präsident Anwar Sadat nach Israel. ... Nach der Reise fotografierte ich Präsident Sadat für die Ausgabe des Time Magazine "Mann des Jahres" im Profil vor den Pyramiden. Ich liebe dieses Foto ..."

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    Foto: Getty Images/Kennerly

    Präsident Ford berät.

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    Foto: Getty Images/Kennerly

    Kennerly: "Ich befand mich mit dem zukünftigen Präsidenten, Gouverneur George W. Bush, in einem Raum, als klar wurde, dass die Wahlen, die er vermeintlich gewonnen hatte, zu einem Präzedenzfall am Obersten Gerichtshof der Vereinigten Staaten werden würden ...."

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    Foto: Getty Images/Kennerly

    Zur Person: David Hume Kennerly lichtet seit der Präsidentschaft von Richard Nixon Präsidenten und Präsidentschaftskandidaten ab. 1972 gewann er den Pulitzer Preis für seine Arbeiten aus dem Vietnamkrieg, Kambodscha, aus Ostpakistan und vom Boxkampf Ali gegen Frazier im Madison Square Garden. Kennerly vertreibt seine Bilder weltweit und exklusiv über die Agentur Getty Images.

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