Der Männerbund und die Meilensteine

17. Februar 2009, 09:56
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In der olympischen Bewegung hatte es der Frauensport von Anfang an schwer

Wien - IOC-Präsident Jacques Rogge widerspricht sich selbst. Das IOC, hatte es geheißen, wolle künftig Sportarten forcieren, die sowohl Männlein als auch Weiblein ausüben. Dazu passen die Steine, die man den Skispringerinnen in den Weg legt, jedenfalls nicht.

Die olympische Bewegung war von jeher keine, die den Frauensport propagierte. 440 vor Christus schlich sich die Boxtrainerin Kallipateria, als Mann verkleidet, bei Olympischen Spielen ein. Sie flog auf, und in Folge hatten sowohl Kämpfer als auch Trainer bei den Spielen nackt anzutreten.

Von Männern für Männer waren auch die Spiele der Neuzeit erfunden worden. 1896 durfte in Athen keine einzige Sportlerin antreten. Später beklagte Olympia-Erfinder Pierre de Coubertin einige von den Veranstaltern verursachte "Fehlentwicklungen", er zählte auch die Zulassung von Frauen dazu. Als 1904 in Paris 17 Sportlerinnen antraten, verweigerte das IOC die "offizielle Zustimmung". Helen de Pourtalès, die gemeinsam mit drei Männern einen der elf Segelbewerbe gewann, gilt als erste Olympiasiegerin aller Zeiten.

Hartnäckig hielten sich Vorurteile aus den Anfängen des Frauensports im viktorianischen Zeitalter, Manuela Müller-Windisch beschreibt sie in "Aufgeschnürt und außer Atem" (Campus Verlag). Vor allem moralische Bedenken und medizinische Vorurteile wurden ins Treffen geführt. Ein entblößter Unterschenkel galt als anstößig, so verlangte der Anstand bedeckte Knöchel selbst beim Radfahren. Tennis, Golf und Bogenschießen, deren Ausübung in langen Kleidern möglich war, hatten sich bei adligen Frauen schon Mitte des 19. Jahrhunderts durchgesetzt.

Der Kampf um die Bewegungsfreiheit war für Frauen nicht zuletzt ein Kampf gegen das Korsett. Badende oder gar schwimmende Frauen stellten ein quasi anständiges Problem dar, viele Städte hatten eigene Badeanstalten für Frauen geschaffen.

1912 in Stockholm ließen die, wie es im IOC-Protokoll hieß, "feministischen Schweden" erstmals Frauen im olympischen Rahmen um die Wette schwimmen. Nach und nach und gegen IOC-Widerstand wurden immer mehr olympische Disziplinen auch weiblich. 1928 in Amsterdam wurden mehr als ein Zehntel der Wettbewerbe (darunter erstmals Leichtathletik) für Frauen veranstaltet, knapp ein Zehntel der Aktiven war weiblich. "Durch zu viel Sport nach männlichem Muster wird der Frauenkörper direkt vermännlicht", sagte 1931 Hugo Sellheim, Direktor der Uni-Frauenklinik Leipzig. "Weibliche Unterleibsorgane verwelken, und das künstlich gezüchtete Mannweib ist fertig."

1952 schlug IOC-Präsident Avery Brundage, hierzulande vor allem ob Karl Schranz ein Begriff, doch tatsächlich vor, die olympischen Frauenbewerbe wieder abzuschaffen. Er blitzte ab. 1964 wurde die erste Frauen-Teamsportart olympisch (Volleyball). Erst 1984 kam der Frauen-Marathon ins Programm, seit 1996 kicken Frauen quasi spielend mit. Mittlerweile ist bei Sommerspielen allein das Boxen eine männliche Domäne, ihm gegenüber stehen die Rhythmische Sportgymnastik und das Synchronschwimmen. Im Winter haben bis dato nur Männer olympisch Ski springen dürfen, haben also auch nur Männer olympisch kombinieren können.

Das IOC ist bis heute ein Männerbund, nur jedes zehnte IOC-Mitglied ist weiblich. In den nationalen olympischen Komitees setzt sich der Trend fort. Im 18-köpfigen, vor kurzem gewählten ÖOC-Vorstand sitzen drei Frauen. (Fritz Neuman/Der Standard, Printausgabe 17.02.2009)

 

  • Eine junge Frau beim Fahrradfahren, 1896. Der Anstand verlangte bedeckte Knöchel, ein entblößter Unterschenkel erregte Anstoß.
    foto: der standard

    Eine junge Frau beim Fahrradfahren, 1896.
    Der Anstand verlangte bedeckte Knöchel, ein entblößter Unterschenkel erregte Anstoß.

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