Das lange Leben der Nacktmulle

16. Februar 2009, 23:10
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Die eher hässlichen Nager werden zehnmal älter als Mäuse - Forscher fanden neue Gründe für deren Langlebigkeit

Washington - Sie sind das "sozialste" Säugetier des Planeten. Dennoch haben Nacktmulle, mausgroße Nagetiere aus Ostafrika, ein gewisses Imageproblem: Sie sind nämlich potthässlich.

Dabei sind die kuriosen Tiere, die zwar wie nackt aussehen, aber einen ganz feinen Haarflaum besitzen, aus vielerlei Gründen für die Wissenschaft hochinteressant: Nacktmulle sind die einzigen Säugetiere, die wie Bienen oder Ameisen in einem Hofstaat leben. Sprich: Es gibt eine Königin, die exklusiv für den Nachwuchs in den bis zu 300-köpfigen Kolonien zuständig ist.

Nacktmulle sind außerdem völlig schmerzunempfindlich, weil ihrer Haut die Substanz P fehlt. Sie brauchen kaum Sauerstoff und auch so gut wie keine Flüssigkeit. Von beiden ist in ihren unterirdischen Riesenbauten nämlich eher wenig vorhanden.

Was Nacktmulle im Speziellen für die Altersforschung so interessant macht, ist ihre extreme Langlebigkeit. Die Tiere sind so groß wie Mäuse, leben aber zehnmal so lang wie ihre Verwandten: Ihre maximale Lebenserwartung beträgt bis zu 28 Jahre, die von Labormäusen bei gerade drei Jahren.

Eine Erklärung liegt auf der Hand: Die gefahrlose Lebensweise der Nacktmulle im Untergrund wirkt sich prächtig auf die körpereigenen Reparaturmechanismen aus. So hat der US-Zoologe Steven Austad Mäusen und Nacktmullen Hautzellen entnommen und sie schädlichen Umweltfaktoren ausgesetzt. Dabei zeigte sich, dass die Nacktmullzellen Gammastrahlung und chemische "Behandlungen" weit besser verkrafteten (Aging Cell, Bd. 6, S. 135).

Auf molekularer Ebene gilt oxidativer Stress als der entscheidende Alterungsfaktor: Können oxidierende Stoffe nicht mehr entsprechend neutralisiert werden, führt das zu einer Schädigung aller zellulären und extrazellulären Makromoleküle.

Bei neuesten Untersuchungen fanden US-Forscher nun allerdings verblüffenderweise heraus, dass sich bei jungen Nacktmullen bereits relativ viele Schäden (unter anderem an der DNA) durch oxidativen Stress fanden, die sogar jene von jungen Mäusen übertrafen.

Allerdings änderte sich bei den Nacktmullen in den nächsten zwei Jahrzehnten daran kaum etwas, berichten Viviana Pérez und Kollegen im US-Fachblatt PNAS (16. 2.). Ihre neue Erklärung für das lange Leben der Nacktmulle: die Stabilität ihrer Proteine. Während bei der Maus Fehlfaltungen der Proteine mit den Monaten zunehmen, bleiben sie beim Nacktmull bis ins hohe Alter konstant. (Klaus Taschwer/STANDARD,Printausgabe, 17.2.2009)

Abstract
+ Aging Cell: Vertebrate aging research 2006

Link
+ PNAS

  • Bild nicht mehr verfügbar

    Der Nacktmull sieht zwar schon in jungen Jahren alt und faltig aus. Dafür lebt er dann umso länger - dank stabiler Proteine.

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