Langmut für rechten "Trauermarsch"

16. Februar 2009, 18:29
210 Postings

Das Begräbnis eines 20-jährigen Gewaltopfers wurde zur makabren Demonstration der Skinhead-Szene

Bregenz - Rote und weiße Rosen zum Kranz gebunden, eine rot-weiß-rote Schleife: „Blood & Honour", die „Kameradschaft WehrMut" und die „M.F.B Vorarlberg" senden ihrem Freund Michl einen letzten Gruß in „ewiger Kameradschaft". Der große Kranz steht bei der Verabschiedung direkt vor dem Altar der Hörbranzer Pfarrkirche, ist unübersehbar.

"Aber es ist wie bei den drei Affen: Niemand sieht etwas, hört etwas, sagt etwas", Pfarrer Roland Trentinaglia, am Abend nach der Verabschiedung von einer Israel-Reise zurückgekommen, ist entsetzt. „Wäre ich da gewesen, ich hätte den Kranz persönlich hinausgetragen." Warum keiner Zivilcourage gezeigt hat, das beschäftigt den Sohn eines Widerstandskämpfers sehr. Er fürchtet weitere Eskalationen, denn „Blut und Ehre", das klinge nach Drohung, nach Gewalt.

"Wir sind auf der Hut", sagt Hans-Peter Ludescher, Leiter des Landesamts für Verfassungsschutz und Terrorismusbekämpfung. Man beobachte nach der Messerstecherei am 8. Februar, bei der der 20-jährige Hörbranzer getötet wurde, die Szene verstärkt. Nach dem Begräbnis, als 100 Skinheads die L190 zwischen Lauterach und Wolfurt für einen Trauermarsch blockierten, zeigte die Polizei Langmut. Die unangemeldete Demonstration wird von Ludescher als „Verabschiedung von einem verstorbenen Kameraden" eingeschätzt. „Eigenartig, unangemeldete Demos werden sonst gleich aufgelöst", wundert sich Grünen-Klubobmann Johannes Rauch. Er zweifelt, dass die Polizei die Szene „im Griff" hat.

Beim „Trauermarsch" zum Tatort nahmen rund 50 Skinheads aus dem Ausland teil. Die meisten davon aus der Schweizer Blood-and-Honour-Szene. Einige der Männer trugen Bomberjacken mit dem Neonazi-Code „88", der für den Hitlergruß steht.

Verein als Tarnung

"Wir beobachten das genau", sagt Ludescher, „wir können die Szene einschätzen - Vorarlberg ist sicher nicht das Zentrum der Rechten." Dass sich die Skin-Szene, getarnt als „Motorradfreunde Bodensee", ein Klublokal (wo man den Trauermarsch ausklingen ließ) in Wolfurt hält, ist der Polizei bekannt und auch Bürgermeister Erwin Mohr (VPÖ). Er möchte die Skins gern wieder loswerden, „es fehlen aber die rechtlichen Möglichkeiten".

Ob die Schlägerei zwischen den Skinheads und der Rocker-Gruppe „Outsider", bei der Michael A. getötet wurde, eine Bandenrivalität war, ist noch Gegenstand der Ermittlungen. Zwei Outsider sitzen in Untersuchungshaft; wie viele der insgesamt 20 Beteiligten der Auseinandersetzung angezeigt werden, steht noch nicht fest. (Jutta Berger, DER STANDARD, Printausgabe, 17.2.2009)

  • Demonstrative Trauer: Skinheads, darunter Mitglieder des Neonazi-Netzwerks "Blood & Honour", zogen nach dem Begräbnis von Michael A., der durch Messerstiche starb, durch zwei Dörfer.
    foto: vol live/philipp steurer

    Demonstrative Trauer: Skinheads, darunter Mitglieder des Neonazi-Netzwerks "Blood & Honour", zogen nach dem Begräbnis von Michael A., der durch Messerstiche starb, durch zwei Dörfer.

Share if you care.